Druckschrift 
5 (1927) Erde, Gewächs und Weltall
Entstehung
Seite
199
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Kap bei den Holländern. Wir sehen an der Innenseite des Dammes ein tiefesWasserloch, den Überrest eines alten Dammbruches: es ist einKolk". Unddieses Wort versetzt uns samt Gracht und Diek mit einem Schlage nachAmsterdam und ruft uns dortige Straßen- und Platznamen ins Gedächtnis,welche wir auf dem selbstgeschaffenen friesischen Wege schon im nieder-sächsischen Vorlande deuten lernen. Je weiter wir dann nach den Deichenfragen und den damit zusammenhängenden Gebilden des Bodens, um sofremdartigere Ausdrücke berühren unser oberdeutsches Ohr. Wir hören da vonStakwerken, Schlickfängern, Poldern, Heldern und ähnlichen Dingen, alleinwir brauchen nur unser holländisches Taschenwörterbuch nachzuschlagen,es gibt uns in den meisten Fällen guten Bescheid. Umgekehrt wird uns nach-her in den Niederlanden manche bildliche Redensart des Holländers klarwerden, wenn wir uns dessen erinnern, was wir vom Deichwesen auf demWege durch die Elb- und Wesermarschen gelernt haben. So sagt zum Beispielder Holländer de spa steken (den Spaten stechen) und meint damit das Landverlassen oder einen Beruf aufgeben. Schon die Leute an der Eibmündungkönnen uns aber den Sinn des Wortes aus ihrem alten Spatenrecht beimDeichbau erklären. Wer nicht beim Deichbau helfen will, der sticht seinenSpaten zum Wahrzeichen in das mit der Deichpflicht belastete Grundstück.Hiermit gibt er aber zugleich den Grundbesitz selber auf, dennwer nichtwill deichen, muß weichen". Warum uns aber das Holländische gerade auf demDeiche so weit nach Osten entgegenkommt, hat seinen Grund wohl mit darin,daß die Holländer unsere alten Lehrmeister im Deichbau waren und zu diesemZwecke schon im 10. und n. Jahrhundert von den Erzbischöfen von Bremenin das Land zwischen Weser und Elbe berufen wurden.

Hinter den hohen Deichen des Landes Hadeln liegt eine baumreiche Ebene.Man hat diesen Baumwuchs oft gepriesen, vorab die stattlichen Erlen, Pappeln,Weiden. Sie sind hochschüssig, üppig, saftig im Laub, aber leicht und schwam-mig im Holze, und eben in ihren leichten, schlanken, rasch aufgeschossenenFormen unterscheiden sie sich sofort von den langsamer, karger, aber fester,runder und voller gewachsenen Bäumen des Binnenlandes. Sie zeigen unszum erstenmal im wirklichen Vorbilde, was wir im gemalten Bilde so oftgesehen haben: die bis zur Manieriertheit hochschüssigen Bäume des Samt-Breughel, die Bäume der holländischen Alleen. Es ist ein Typus, der sichnicht leicht unterscheidend beschreiben läßt, ein Landschaftsmaler aber würdeihn sofort mit wenigen Bleistiftstrichen charakteristisch aufs Papier werfen,und man würde sagen: solche Bäume, vergleichbar einem jungen Manne,der so plötzlich in die Höhe wächst, daß er mit der Breite nicht nachkommenkann, stehen im Haag oder bei Utrecht oder Amsterdam, die Originale aberstanden diesmal bei Otterndorf im Lande Hadeln.

Wer jedoch meint, eine Landschaft mit gar keinem Baum sei noch viel hollän-discher, als eine Landschaft mit recht hohen Bäumen, der hat auch wiederumrecht und braucht dann nur aus Hadeln in das Nachbarland Wursten zu gehen,so findet er auch hier schon diesseit der Weser baumlose Flächen genug, woder ewige Wind jeden aufsteigenden Strauch zerzaust und niederhält, und erkann westwärts längs der Küste eine lange Kette ähnlicher Szenerien ver-

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