Druckschrift 
5 (1927) Erde, Gewächs und Weltall
Entstehung
Seite
196
Einzelbild herunterladen
 

Vergangenheit sehen, legt in Holland eigentlich alles ein solches Zeugnis ab.Jede Insel, jeder Polder, jedes Vorgebirge des Landes ist ein Monument lang-wieriger und mutvoller Bestrebungen, schönen menschlichen Fleißes, einProdukt der Weisheit längst entschlafener kluger Männer. (J. G. Kohl. Reisenin den Niederlanden, 1850.)

AMSTERDAM

Wir standen auf dem Werft der Admiralität, uns zur Seite stand das prächtigeArsenal, ein Quadrat von mehr als zweihundert Fuß, auf achtzehntausendPfählen ruhend und ganz mit Wasser umflossen. Schon waren wir durchseine drei Stockwerke gestiegen und hatten die aufgespeicherten Vorräte fürganze Flotten gesehen. In bewundernswürdiger Ordnung lagen hier mit denZeichen jedes besondern Kriegsschiffs in vielen Kammern die Anker taue undkleineren Seile, die Schiffblöcke und Segel, das grobe Geschütz mit seinenMunitionen, die Flinten, Pistolen und kurzen Waffen, die Laternen, Kompasse,Flaggen, mit einem Worte alles, bis auf die geringsten Bedürfnisse der Aus-rüstung. Vor uns breitete sich die unermeßliche Wasserfläche des Hafens aus,und in dämmernder Ferne blinkte der Sand des flachen, jenseitigen Ufers.Weit hinabwärts zur Linken hob sich der Wald von vielen tausend Mast-bäumen der Kauffahrer, die Sonnenstrahlen spielten auf ihrem glänzendenFirnis. Am Ufer und nah und fern auf der Reede lagen teils abgetakelt undohne Masten, teils im stolzesten Aufputz mit der Flagge, die im Winde flatterte,und dem langen, schmalen Wimpel am obersten Gipfel der Stengen, die größerenund kleineren Schiffe der holländischen Seemacht. Wir ehrten das Bewußt-sein, womit uns der Hafenmeister die schwimmenden Schlösser zeigte undmit Namen nannte, deren Donner noch zuletzt so rühmlich für Holland aufDoggersbank erscholl. Mit ihm bestiegen wir denMoritz" von vierundsiebzigKanonen, ein neues Schiff, das schon im Wasser lag, und staunend durch-suchten wir alle Räume, wandelten umher auf den Verdecken und betrachtetenden Wunderbau dieser ungeheuren Maschine. Zur Rechten lagen die Schiffeder Ostindischen Kompagnie bis nach der Insel Osterburg, wo ihre Werftesind. Die ankommenden und auslaufenden Fahrzeuge samt den kleinenrudernden Booten belebten die Szene. In mehreren großen und kleinenGruppen ging und stand die zehntausendköpfige Menge von Zuschauern, einbuntes Gewühl von See- und Landoffizieren in ihren Uniformen, von Zimmer-leuten in ihrem schmutzigen Schifferkostüme, von müßigen umhertobendenKnaben, von ehrsamen Amsterdamer Bürgern und Frauen, von Fremdenendlich, die aus allen Ländern hier zusammentreffen.

Endlich naht der entscheidende Augenblick heran. Man stellt uns vorn anden Kiel der neuen Fregatte, so nah daran, daß der geteerte Bauch über unserenKöpfen schwebt. Völlig sicher stehen wir da und bewundern diese Kunstder Menschen, die jeden Gedanken von Gefahr entfernt. Könnte das Schiffumwerfen, statt abzulaufen, so lägen hier Hunderte von uns zerschellt. Jetztwerden die Blöcke weggeschlagen, worauf es noch ruht, jetzt treibt manhinten einen Keil unter, um es dort höher zu heben, man kappt das Tau,woran es noch befestigt war und nun, als fühlte der ungeheure Körper ein

196