Druckschrift 
5 (1927) Erde, Gewächs und Weltall
Entstehung
Seite
181
Einzelbild herunterladen
 

schloß der Bassenheime, die den deutschen Orden zuerst in der heiligen Stadtgestiftet. An das deutsche Ordenshaus schloß sich die Stiftskirche St. Kastors,karolingische Denkmäler bewahrend, würdig an; denn auch sie, in ihrem ro-manischen Stile, ist eine ehrwürdige Zeugin jener alten heiligen Begeisterungund Kunst der rheinischen Stämme, die so viele Dome und Gotteshäuser wun-dervoller Kunst die Ufer des Flusses entlang, von seiner Wiege in den Alpen bishinab zu den volkreichen Städten der Niederlande, als Denkmale ihrer Gottes-furcht hoch zum Himmel hinan gebaut. Mit dieser Kirche, die durch ihre Er-innerungen und ihre Kunstwerke ein wahres Heiligtum unserer rheinischenund deutschen Geschichte bildet, verband sich ein großer Kreuzgang, reich mitalten Bildwerken verziert. Der altersgrauen, tausendjährigen Kirche zur Seite,auf dem Kastorhof und in der St. Kastorstraße, standen längs Mosel und Rheindie Wohnungen der Kapitelherren des Kollegiatstiftes und unweit davon einSeminarium und ein von der frommen Mildtätigkeit der Vorzeit mit Einkünftenreichlich versehenes Waisenhaus. ,

Weiter landeinwärts, im Rücken der Stadt, wo die Rhein- und Moselberge sichverbinden und einen die beiden Täler weithin beherrschenden Vorsprung bil-den, dort, wo nun die Feste Constantin die Höhe krönt, damals der Beatusberggenannt, erhob sich dem Ehrenbreitstein gegenüber mit der herrlichsten Aus-sicht eine andere Feste geistlicher Betrachtung und Selbstbeherrschunggeweiht, eine wohlgebaute Karthause. Ein Bürger von Koblenz, der nachdem gelobten Lande gepilgert, hatte die Stationen des Leidensweges den Beatus-berg hinan gestiftet. Oben, unmittelbar unter der Karthause, weithin den Rheinauf und ab sichtbar, erhob sich eine heilige Grabkapelle zum heiligen Kreuz,nach dem Vorbilde des heiligen Grabes zu Jerusalem erbaut.Und wie in diesem Abbilde des alten heiligen römischen Reiches deutscherNation das Geistliche mit dem Weltlichen sich innigst verband und verschlang,wie die kriegerische Feste, der Ehrenbreitstein, mit seinem mörderischenGeschütz auf dem rechten Rheinufer und die heilige Stätte fastender und beten-der Karthäuser auf dem linken friedlich zueinander herübersahen und das geist-liche Fürstenschloß und die gewerbsame Bürgerwelt der Stadt bewachten:den gleichen gemischten Charakter trug auch das Leben, das sich in jenenZeiten auf dem Flusse und an seinen Ufern vor den Augen hin bewegte. Baldfuhren von Holland kommend die stattlichen Handelsschiffe rheinaufwärts,von dreißig und vierzig Pferden gezogen, bald glitten die großen Flöße von unab-sehbarer Länge stromabwärts, eine kleine Welt für sich, mit Hütten wie einDorf versehen, von 150 und 200 Ruderknechten bedient, und von vier Steuer-leuten auf vier hohen Tribünen geleitet, bald wieder bewegten sich die Bitt-gänge der Gläubigen in langen Zügen die Ufer entlang, oder die Pilger kamen,heilige Lieder singend, auf grüngeschmückten Schifflein mit Kreuz und Fahnenden Fluß hinabgeschwommen. Sie hatten das Grab der heiligen Hildegard oderdas Gnadenbild zu Bornhofen begrüßt und zogen hinab, ihre Andacht bei demGrabe der heiligen drei Könige in Köln zu verrichten oder die Heiligtümerin dem Dome Karls des Großen zu Aachen oder an hundert anderen Wall-fahrtsorten des Landes zu verehren. Und wieder zogen kaiserliche Truppenmit klingendem Spiel und dem Reichsadler in der Fahne aus den österreichischen

181