man in der ungeheuren Schlucht den Rhein abwärtsfließen. Lorch, Dreiecks-hausen, Bacharach sind hüben und drüben zu sehen, und mir war in diesemBlick der Anfang einer neuen Gegend und der völlige Abschluß des Rheingauesgegeben.
Auf einem Spaziergang durch den Wald gelangte man zu verschiedenen Aus-sichten und endlich zu einem auf einer Felskuppe des Vorgebirgs liegendenAltan, von welchem eine der schönsten Übersichten genossen wird: tief unteruns die Strömung des Binger Lochs, oberhalb derselben den Mäuseturm, dieNahe, durch die Brücke von Bingen herfließend, aufwärts der Bergrücken derRochuskapelle und was dem angehört — eine große, in allen Teilen mannig-faltige Ansicht. Wendet sich das Auge zurück und unterwärts, so sehen wirdas verfallene Schloß Ehrenfels zu unseren Füßen.
Durch eine große, wohlbestandne Waldstrecke gelangt man zu dem gegenNorden gerichteten runden Tempel. Hier blickt man von neuem rheinauf-wärts und findet Anlaß, alles zu summieren, was man diese Tage her gesehenund wieder gesehen hat. Wir sind mit den Gegenständen im einzelnen wohlbekannt und so läßt sich durch das Fernrohr, ja sogar mit bloßen Augen, man-ches Besondere nah und fern schauen und bemerken.
Wer sich in der Folge bemühte, den Niederwald besser darzustellen, müßte imAuge behalten, wie das Grundgebirge von Wiesbaden her immer mehr an denRhein heranrückt, den Strom in die westliche Richtung drängt und nun dieFelsen des Niederwaldes die Grenzen sind, wo er seinen nördlichen Weg wiederantreten kann.
Der steile Fußpfad nach Rüdesheim hinab führt durch die herrlichsten Wein-berge, welche mit ihrem lebhaften Grün in regelmäßigen Reihen, wie mit wohl-gewirkten Teppichen, manche sich an- und übereinander drängende Hügelbekleiden. (Goethe, Am Rhein, Main und Neckar, 1816/1817.)
KOBLENZ UM 1770
Da thronte jenseits über dem Strome die alte Bergfeste Ehrenbreitstein mitihren altertümlichen, malerischen Türmen und Bauten, und der Bergfeste zurRechten und Linken zog sich die grüne Kette der Rebhügel den Fluß entlang —aufwärts bis zu den Burgtürmen von Lahnstein und den Bergen von Rhenseund Stolzenfels, abwärts in langem Bogen bis zur alten Andernach. Zu Füßender schirmenden Landesfeste, dicht am Strome, ruhte das kurfürstliche Schloß,an das sich der eine oder andere adelige Ansitz der Hofherrn anreihte. ZweiGotteshäuser lagen mitten in dem Rheine auf Inseln, rings von seinen Wassernumspielt, aufwärts das adelige Benediktiner Frauenkloster Oberwörth, ab-wärts das altberühmte Cisterzienser Kloster Niederwörth, das eine Reliquieseines Ordensstifters, des heiligen Bernhards, bewahrte, eine Erinnerung anjene Tage, da er hier den Gottesdienst, als er das Kreuz am Rheine predigte,gefeiert. Dann diesseits links am ,,deutschen Eck", wo Rhein und Mosel, derAlpensohn und die lotharingische Jungfrau, sich vermählen, das Deutsch-herrenhaus, ein Denkmal der alten katholischen Frömmigkeit des Landes.Nur eine Meile die Mosel aufwärts auf dem jenseitigen Ufer liegt das Stamm-
180