düngen und Meeresküsten bis zu den Hochgebirgen nicht bloß einzelnenIndividuen, sondern dem ganzen Volke durch die Religion als Pflichtgebotvorgeschrieben war und als Verdienst zugerechnet ward. Indiens Grenzenzu überschreiten, war im Volksgefühl kein hinreichender Grund vorhanden,und nur der fanatische Frömmling und der gewinnsüchtige Handelsmann tutdies noch heute. Nie ist das Volk, wie etwa Perser und Germanen, aus Indienausgewandert, nie haben sie wie Chinesen, Mongolen, Habessinier, Russenund so weiter, Eroberungszüge über die Grenzen ihres Landes unternommen,nie wie Malaien, Araber, Phönizier, Griechen, Briten Kolonien in ferneLänder gesendet.
Gegen Norden setzte der hohe Wall des Himalaya eine Naturgrenze, gegenWesten konnte der Indus von keinem Anhänger des Brahma überschrittenwerden, ohne die Vorrechte seiner Kaste im Vaterlande zu verlieren. ImVaterlande bleiben war Vorschrift für die drei obersten Kasten, nur der untern,den armen Sudras, war es gestattet zu leben, wo ihr Bedürfnis sie hinzog.Nach Ost und Süd hin war der Ozean die Begrenzung; wer ihn befuhr, wurdefür unrein gehalten, und wer von dem Meere kommend das Land betrat,mußte als ein Wiedergeborener sich erst durch Opfer reinigen und entsühnen.Was auf diese Weise als Gesetz ausgesprochen ward, mochte es nun früherhinGebrauch sein oder dem Gesetzgeber als zweckmäßig erscheinen, immer lagein Naturgefühl zum Grunde, daß das Vaterland hinreiche, daß Indien eineWelt für sich, das Land der Mitte für den Hindu, Medyama, Medhya-Dehsasei. (Carl Ritter, Die Erdkunde im Verhältnis zur Natur und zur Geschichtedes Menschen, 1817/1818.)
UNSTERBLICHE GEGENWART
Durchgängig und überall ist das echte Symbol der Natur der Kreis, weil erdas Schema der Wiederkehr ist: diese ist in der Tat die allgemeinste Formin der Natur, welche sie in allem durchführt, vom Laufe der Gestirne an biszum Tod und der Entstehung organischer Wesen, und wodurch allein in demrastlosen Strom der Zeit und ihres Inhalts doch ein bestehendes Dasein, dasist eine Natur, möglich wird.
Wenn man im Herbst die kleine Welt der Insekten betrachtet und nun sieht,wie das eine sich sein Bett bereitet, um zu schlafen den langen erstarrendenWinterschlaf, das andere sich einspinnt, um als Puppe zu überwintern undeinst im Frühling verjüngt und vervollkommnet zu erwachen, endlich diemeisten, als welche ihre Ruhe in den Armen des Todes zu halten gedenken,bloß ihrem Ei sorgfältig die geeignete Lagerstätte anpassen, um einst ausdiesem erneut hervorzugehen, — so ist dies die große Unsterblichkeitslehreder Natur, welche uns beibringen möchte, daß zwischen Schlaf und Tod keinradikaler Unterschied ist, sondern der eine so wenig wie der andere das Daseingefährdet. Die Sorgfalt, mit der das Insekt eine Zelle oder Grube oder Nestbereitet, sein Ei hineinlegt, nebst Futter für die im kommenden Frühlingdaraus hervorgehende Larve, und dann ruhig stirbt, — gleicht ganz derSorgfalt, mit der ein Mensch am Abend sein Kleid und sein Frühbrot für den
162