strengungen und der Sorgen für den täglichen Unterhalt, hält dadurch denpolitischen Stürmen und Verheerungen und dem Druck des allgemeinenDespotismus, der hier wie ein Naturgesetz wirkt, welchem nicht zu entfliehenist, das Gleichgewicht, in welchem der Mensch seine Existenz behaupten muß.Dennoch zeigt sich bei aller natürlichen Schwächlichkeit, Indolenz, Ver-sunkenheit, Verweichlichung des Hindu im Lande weder Armut noch Mangel,noch Wildnis, Einöde, keine Leerheit von Menschen, Dörfern, Städten und soweiter, sondern von allem das Gegenteil, und zwar dies alles weder von heuteund gestern her und nicht bloß als das Resultat einiger kurzen Jahrhunderte.Der Pflug wie der Webstuhl sind hier uralte Erfindungen, die den Götternzugeschrieben werden, in den Gesetzen des Menü sind sie schon bekanntund jene Kulturgewächse, Reis, Zuckerrohr, Wein und so weiter nach denEpopöen im Ramajan und Mahabarat die tägliche Speise der Krieger. Ebensoalt und nicht wie so viele unserer europäischen Produkte erst einheimischgeworden, sind die eigentümlich ausgezeichneten Gaben des Landes, gleich-sam so viele in sich vollendetste Produkte, welche nur die unorganischen undorganischen Kräfte, die Vegetation und so weiter hervorzubringen vermochten.Durch eine meistens bewußtlose Übereinstimmung aller Erdbewohner in derAnerkennung von deren vollendeten Art und Gestaltung, sind diese nun auchzu den ersten Gegenständen des Strebens der Völker fast über den ganzenErdkreis geworden, so die Früchte, Gewürze, Balsame, Gedüfte, Diamanten,Perlen, die edelsten Farben, feinsten Faden, leichtesten, dauerndsten, schnee-weißen Gespinste und so viele andere Gegenstände des Bedürfnisses, desSchmucks, der Annehmlichkeit. Der Reiz, der Gewinn, den ihr Überflußdarbietet und der Mangel derselben im Auslande, diese mußten bei der Welt-stellung Indiens, bei der charakteristisch ausgezeichneten Zugänglichkeit desLandes im Innern, an den Küsten und gegen Vorderasien hin, sehr früheeinen lebendigen und wichtigen Völkerverkehr erzeugen. Durch die Naturbedingt, durch frühe Völkerentwicklung geweckt, durch milde und toleranteGesetzgebung, Priesterkolonien, Pilgerfahrten gefördert, durch frühe Bil-dung unzähliger Staaten, Residenzen, Städte gewinnvoll gemacht, mußte er,seitdem Ausländer die Tore nach Indien gefunden und dahin Völker aus allenWeltgegenden zusammenströmten, schon in uralter Zeit zum größten Welt-handel gedeihen.
Der Inder, im Besitz des fruchtbarsten und schönsten Vaterlandes, verließ esso wenig wie der Ägypter das Niltal oder wie der Chinese seine Erdscholle.Aber nicht, weil ihn, wie jenen, Wüsten umlagerten oder die matten Schwingenseiner Phantasie nicht über die Grenzen der Heimat hinüberzutragen ver-mochten, auch nicht, weil ihm, wie diesem, der Ausweg fast unmöglich undder Erwerb auf Grund und Boden sein Alles gewesen wäre, der den Chinesennoch heute fesselt und von jeder Wanderschaft engherzig zurückhält. DerRaum, in dem der Inder sich einheimisch, für den er sich geboren, dem ergewachsen zu sein fühlte, war von hinlänglichem Umfange (ein europäischerErdteil) für seine höchste menschliche Ausbildung und von lieblichen Strömennach allen Richtungen, wie Germanien und nicht bloß von Westen nach Ostenwie China, durchzogen, an deren Ufern auf und ab zu wandern von den Mün-
II Wolters, Der Deutsche. V, 1, c