Druckschrift 
5 (1927) Erde, Gewächs und Weltall
Entstehung
Seite
157
Einzelbild herunterladen
 

Pferdekraft geschnitten. Umgekehrt sollten erst nach Tacitus' Zeiten diekühnsten Seefahrer der Welt, die Normannen, mit dem Gebrauche der Segelbekannt werden.

An unsere wichtigsten narkotischen Genußmittel sind wir erst vor drei odervier Jahrhunderten durch fremde Völker gewöhnt worden, an den Tee durchdie Chinesen und an den Kaffee durch fromme Araber. Die erste Schokoladetranken spanische Eroberer aus der Hofküche des mexikanischen KaisersMocteuzoma oder Montezuma, und als im Jahre 1492 spanische Kundschafteraus dem Innern von Kuba zurückkehrten, erzählten sie dem Entdecker derNeuen Welt, daß die harmlosen Indianer der Insel zusammengerollte Kraut-blätter, welche sie Tabacos nannten, in den Mund steckten, um von demandern entzündeten Ende her den Rauch einzuschlürfen. Waren auf denAntillen Zigarren in Gebrauch, so sahen Europäer bei den Rothäuten Nord-amerikas den Tabak aus steinernen Pfeifen rauchen und im alten Peru, sowieanderwärts in Südamerika, ihn schnupfen.

Das Schlafen in aufgeknüpften Netzen ist eine Erfindung der Neuen Weltund unser Ausdruck Hängematte eine Übersetzung und zugleich Lautnach-ahmung des Worteshamaca" aus der Sprache der Urbevölkerung Haitis,welches das Französische alshamac" noch treu bewahrt hat. Die Verwen-dung künstlicher Insekten beim Fischfang mit der Angel und die Wahl dieserPhantome je nach der erwünschten Fischart, der Jahreszeit oder dem Wetterhaben die Engländer zuerst den Indianern an den Flüssen Guayanas abge-lauscht, und von den roten Naturkindern Brasiliens wurden Portugiesen inder Zubereitung der Tapioca unterrichtet. Das einfachste und zugleich einungemein malerisches Männergewand, nämlich der Poncho, welcher imspanischen Amerika heutzutage allenthalben getragen wird, war die Volks-tracht der tapferen Araukaner. Selbst im Bau von Fahrzeugen konnten wirerst in unsern Tagen von fälschlich mißachteten Völkern, wie den Eskimo,etwas lernen; denn ihre Kayaken wurden die Muster zu unsern Lustgondelnmit geschlossenen Räumen am Schnabel und Stern.

Wenn also selbst bei unseren reifen Zuständen ein Umgang mit jugendlichenStämmen immer noch Nutzen trägt, wie entscheidend muß es für unsgewesen sein, als unsere Lehrjahre begannen, daß die Zugänglichkeit undAufgeschlossenheit unsers Weltteiles den Zutritt der geistig bereichertenVölker Asiens und Afrikas erleichterte. Ein Mißkennen der Kulturgeschichteaber wäre es, wollte man schließen, daß die Europäer, weil sie einen reich-gegliederten Weltteil bewohnten, notwendig durch ihre Leistungen zu allenZeiten -hätten hervorleuchten sollen. Für jene Franzosen, welche in denHöhlen der Dordogne hausten, mit Steinwerkzeugen das wilde Pferd umseines Fleisches willen jagten zu einer Zeit, wo der vorweltliche Elefantnoch Nordeuropa durchschritt, war es völlig unerheblich, ob ihr Weltteilhalbinselförmig gestaltet, sowie mit Sunden und Golfen reich gesegnet war.Auf den niedrigsten Stufen unserer Entwicklung, wo die Sorge für den täg-lichen Unterhalt fast den ausschließlichen Lebenszweck bildet, wo das einzigenicht tierische Bedürfnis, merkwürdigerweise ein ästhetisches, vorläufig nurdarin Befriedigung sucht, daß etwa hübsche Muscheln, an eine Schnur gereiht,

157