die menschliche Bildung zu erreichen sucht, so entwickelt sich auch der in-dividuelle Mensch wieder vom ersten Nu seiner Schöpfung allmählich aus dervorherrschenden Materialität hervor, bis sich die Vernunft vollkommen inihm äußert.
Das polare Verhalten in der Natur tritt in der höheren Tierwelt und insbeson-dere im Menschen wieder zwischen seinem leiblichen und geistigen Daseinhervor. Hierauf beruhet der natürliche Wechsel zwischen Wachen undSchlafen.
Im Zustande des vollkommnen Schlafes äußert sich das Leben des Menschennur in seinem Körper, das heißt es äußert sich vorzugsweise nur insoweit,als es sich auf die Erhaltung und Vervollkommnung des Körpers bezieht.Mit dem Erwachen tritt dagegen das körperliche Dasein wieder unter dieHerrschaft der Vernunft zurück. Die Wahrnehmungen einerseits und diewillkürliche, freie Bewegung andererseits sind die Äußerungen des vorherr-schend geistigen Lebens, von dem zugleich die bloße materielle Existenzabhängig ist.
Die Zustände des Schlafens und des Wachens sind allgemeine Phänomene inder Natur, welche mit dem Verschwinden und Wiedererscheinen des Lichtsin der innigsten Verbindung stehen. Die unorganische Natur schläft imGegensatz gegen die organische, die Pflanzenwelt schläft im Gegensatz gegendie Tierwelt. Doch findet auch im festen Erdkern ein Erwachen statt, undauch die Pflanze wacht und schläft auf ihre Weise.
Im gesunden Schlafe schlägt der Puls zwar langsamer, aber die Arterie istmehr gefüllt, der Mensch atmet nicht so oft, aber er atmet tiefer ein und aus.Die Exkretionen, insbesondere die Funktion der äußeren Haut, gehen in einemvolleren Maße vor sich, eine angenehme Wärme verbreitet sich über denganzen Körper. Beim Erwachen fühlt sich der Mensch gestärkt. Alle dieseErscheinungen deuten darauf hin, daß die Metamorphose in einem voll-kommnern Maße vor sich geht, währenddes sich diejenigen Aktionen, die sichauf das geistige Leben beziehen, gleichsam nach innen zurückgezogen haben. —Vom gesunden Schlafe erwacht der Mensch nach einer gewissen Zeit oftplötzlich, oft auch erst allmählich, indem sich zuvor leise Träume einstellen,diese sind die Vorboten des Erwachens. (Johann Bernhardt Wilbrandt,Physiologie des Menschen, 1815.)
MENSCH- UND TIERGESTALT
Es erscheint auf einmal die Gestalt und Zusammenordnung aller einzelnenTeile des Menschenleibes klar und harmonisch zusammenstimmend, wenndieser, wie ihm gebühret, sich aufrecht stellt. Hierzu stimmet die Breite derBrust und des Beckens, durch welche Arme und Schenkel weiter auseinandergestellt werden, die Anfügung des Kopfes, dessen Einlenkungspunkt unterdie Mitte seiner Masse verlegt ist, und welcher daher bei der aufrechten Stellungsich sehr leicht im Gleichgewicht auf der Wirbelsäule erhalten kann, dieStärke der Muskeln, welche Fuß und Schenkel ausdehnen, besonders derWaden- und Gesäßmuskeln, die höhere Anfügung der Biegemuskeln des
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