ordnen wäre, und zugleich so viel Mannigfaltigkeit und Verschiedenheitdarböte, als das schöne Zusammenstrahlen und Abwechseln
der Stirnund der Augen,
der Nase
und der Wangen,
des Mundes
endlich, der auf dem Kinne ruht. Eines unterstützt, hebt, trägt das andere,fast wirds dem tastenden Gefühle schon, was es durchs Licht dem Augeso unendlich mehr ist, Antlitz. Offenbar nach eben dem Bau und den Gliedernderselben Verhältnisse ist der ganze Körper gebildet, daher die Wilden sichabermals auf Brust und Knie ein Menschenantlitz malen. Die beiden Warzender Brust über dem Nabel, der Unterleib über den Füßen, wie die Brust unterden Fittichen der Arme, sind ein Verhältnis, jedes gehört zum andern, als einsoder Paar, und spricht zu und mit ihm, was es sprechen soll. Die Anzahl undBildung der Finger, die, wie aus einem halben Kreise geschnitten, in einerOrdnung, die nicht vermehrt und vermindert, nicht versetzt noch verstümmeltwerden kann, dastehn, bestätigt dasselbe, kurz, überall eine einfache undharmonische Weisheit, die in und für uns gefühlt, gemessen, geordnet, Umfangund Fülle beschränkt hat. Sie goß die Seele in ein tausendfach organisiertes,aber sehr einfach begrenztes, leicht zu umfassendes Maß, und machte Punkteder Vereinigung, wo und wie oft und auf wie zarterer Stelle sie sie machenkonnte. So findet Auge das Auge, so drückt sich Mund an Mund und Brustan Brust und blickt und saugt in sich Odem der Liebe. Man verrücke dieZüge des Gesichts, man verpflanze und wechsle Glieder — mit und ohne Augemuß man grausen, wie immer die kleinste Mißbildung zeigt. Was wir in derOptik und in den anordnenden Künsten überhaupt von feinen Gesetzen desWohlstandes und der Wohlgestalt, des Eben- und Unebenmaßes entdeckenwerden, findet sein größtes Vorbild in dem edeln Werke, das überall, wie esscheint, der großen Mutter Liebling und Augenmerk war, in der Menschen-gestalt und Menschenschöne. (Herder, Plastik, 1778.)
SCHLAFEN UND WACHEN IM MENSCHEN
Die Lebensäußerungen sind in der organischen Natur ausdrucksvoller, alsin der unorganischen Natur, sie sind wieder bedeutender in der tierischen,als in der vegetabilischen Schöpfung. In der Tierwelt tritt die Vervollkomm-nung der Lebensäußerung vom Infusionstierchen bis zum Menschen insteigendem Grade hervor. Im vollendeten Menschen ist endlich die volleVerklärung des Lebens in dem Hervortreten der Vernunft gegeben. Die Ver-nunft spricht zur Welt, die Freiheit siegt über das materielle Dasein, derKörper selbst gehorcht der Vernunft. Alle Äußerungen des vorherrschendgeistigen Lebens sind in der Vernunft zu einem Ganzen verschmolzen undursprünglich in Einheit.Wie die Natur durch die gesamte organische Schöpfung gleichsam allmählich
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