Gebirgswölfe sind im allgemeinen groß und stark, Wölfe der Ebenen merk-lich kleiner und schwächer, keineswegs aber auch minder raub- oder angriffs-lustig. --------
Noch heutigestags ist der Wolf weit verbreitet, so sehr auch sein Gebiet gegenfrühere Zeiten beschränkt wurde. Er findet sich gegenwärtig noch fast inganz Europa, obwohl er aus den bevölkertsten Gebieten dieses Erdteiles ver-schwunden ist. In Spanien ist er in allen Gebirgen und selbst in den größerenEbenen eine ständige Erscheinung, in Griechenland, Italien und Frankreichhäufig genug, in der Schweiz seltener, im mittleren und nördlichen Deutsch-land wie in Großbritannien gänzlich ausgerottet worden, im Osten Europasgemein. Ungarn und Galizien, Kroatien, Krain, Serbien, Bosnien, die Donau-fürstentümer, Polen, Rußland, Schweden, Norwegen und Lappland sind die-jenigen Länder, in denen er jetzt noch in namhafter Menge auftritt. AufIsland und den Inseln des Mittelmeeres scheint er niemals vorgekommen, inden Atlasländern dagegen ebenfalls vorhanden zu sein. Außerdem verbreiteter sich über ganz Nordost- und Mittelasien und hat in Nordamerika einenihm so nahestehenden Verwandten, daß man auch den Westen der Erde inseinen Verbreitungskreis gezogen und nicht bloß den nordamerikanischen,sondern auch den mexikanischen als Unterarten aufgefaßt hat.Die Alten kannten den Wolf genau. Viele griechische und römische Schrift-steller sprechen von ihm, einige nicht allein mit dem vollen Abscheu, welchenIsegrim von jeher erregt hat, sondern auch bereits mit geheimer Furcht vorungeheuerlichen oder gespenstischen Eigenschaften des Tieres. Oppian unter-scheidet fünf Abarten, welche Gesners Übersetzer bezeichnet als Schützwolf,so benannt „von wegen seiner schnellen Behändigkeit", als Raubwolf, zudem er bemerkt: „der allerschnelleste, gehtmitgroßer UngestümmdeßMorgensfrüh auf die Jagt, weil er stäts Hunger leydet", als „der gülden Wolf, sobenannt von wegen der Färb, und seiner schönen und gläntzenden Haarenhalber", und endlich „die von dem vierten und fünfften Geschlechte", sagtGesner, „können nach gemeinem Nahmen Booswölff genennt werden, dieweilihre Köpffe und Hälse kurtz und dick sind und einige Gleichheit mit demAmboos haben". In der altgermanischen Göttersage wird der Wolf, dasTier Wodans, eher geachtet als verabscheut. Letzteres geschieht erst vielspäter, nachdem die christliche Lehre den Götter glauben unserer Vorfahrenverdrängt hatte. Nun verwandelte sich Wodan in den „wilden Jäger" undseine Wölfe in dessen Hunde, bis zuletzt aus diesen der gespenstische Wer-wolf wird: ein Ungeheuer, zeitweilig Wolf, zeitweilig Mensch, Blindgläubigenein Entsetzen. Noch heutzutage spukt die Werwolffabel in vielen Köpfenund flüstert das Volk sich zu, durch welche Mittel das gespenstische Ungeheuer
zu bannen und unschädlich zu machen sei.--------
Der Wolf bewohnt sowohl hoch als tief gelegene, einsame, stille Gegendenund Wildnisse, namentlich dichte, düstere Wälder, Brüche mit morastigen undtrockenen Stellen und im Süden die Steppen. Er haust selbst in nicht allzu-großen Buschdickichten, auf Kaupen in Brüchen und Sümpfen, in Rohr-wäldern, Maisfeldern, in Spanien sogar in Getreidefeldern, oft in großer Näheder Ortschaften. Diese meidet er überhaupt viel weniger, als man gewöhnlich
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