In den Gesängen selbst herrscht die größte Mannigfaltigkeit. Ein Teil läßtseiner Beredsamkeit und Dichterkraft, ohne sich zu mäßigen, den Lauf, alsdie Nachtigall, der Mistler, die Amsel, die Weißdrossel, der Kirschvogel, derStieglitz, der Fink, die Lerche, wie unter den Menschen eine Nation vor derandern, andere singen kurz und lakonisch, wie die Wachtel schlägt. Einejede Art macht sich gewisse Wendungen der Töne eigen, wobei sie durch-gehends bleibt, indem der Bau der Luftröhre größtenteils ohne auszuartenderselbe bleibt. Vielleicht sind aber einige Teile daran den Erdstrichen undder Gewohnheit unterworfen. Man weiß, daß es unter den Singvögeln gewisseProvinzialwörter und Mundarten gibt, daß einer die Töne des andern nach-ahmen lernt, und daß besonders die jungen dazu aufgelegt sind, die niemalsihre Eltern gehört haben. Selbst der Affekt, die Munterkeit und andere zu-fällige Dinge machen eine Veränderung hierinnen, und die Lockstimme ist
von der gewöhnlichen unterschieden.--------
Der Gesang des Finken ist aus drei Absätzen und zwölf Noten zusammen-gesetzt. Sein Ansatz stößt erstlich drei Noten auf einem Klavis an, hierauffällt die Stimme durch sieben Klaves mit einem schnellen Laufe vollendsherab, der Schlußton endigt sich mit drei Noten. Die Melodie des Gold-ammers ist eine siebenmalige Berührung eines Klavis, darunter die letztelang, gedehnt, aber scharflautend hervorgebracht wird. Die Hausschwalbesingt durch drei Klaves, und ihr schnarrendes Final macht die Miene, inden vierten überzugehen. Die Stimme des Rotschwanzes, der unter demGebälke der Häuser nistet (Saulocker), steigt durch fünf Noten, die erste istdie längste, die zwei folgenden halb so kurz und um eine Sekunde tiefer,die vierte etwas höher als die erste, zum Endtone hängt er einige Punkteals Zierrate an. Das Weib desselben hat das Recht, ebensowohl als der Mannzu singen. Bevor die Zeit zu den Liedern herankommt, beschäftigt sich gleich-sam die Natur damit, die Schnäbel oder die Flöten dieser kleinen Kompo-nisten zustande zu bringen. Die Wirkungen davon äußern sich in einerneuen Farbe, womit sie sie von außen verschönert, nachdem die innerenSpringkräfte vorher von den Ansätzen des begeisterten Blutes zugenommenhaben. Die junge Amsel bekommt alsdann im Frühlinge zum ersten Malemit dem gelben Schnabel ihre Mündigkeit, und diese Farbe behält der Schnabel,solange sie lebt, überhaupt färben sich im Frühlinge die Schnäbel aller Vögelwie die Haare an den vierfüßigen Tieren und die Schuppen der Fische, un-geachtet man nicht imstande ist, alle stufenweisen Erhöhungen oder Ver-tiefungen, wenn die Hauptfarbe dieselbe bleibt, gehörig anzugeben. DerSchnabel ist am Finken im Frühlinge weiß, im Sommer braun, am Stareim Frühlinge weißgelb, im Herbste schwärzlich, an den Kernbeißern, Emmer-lingen bläulich, im Herbste weiß oder bräunlich. Der Sperling färbt ihn imFrühlinge schwarz, der Kramsvogel und die Rotdrossel gelb, da er sonstbraun ist, und die junge Elster bekommt zwar im anderen Jahre den langenSchwanz, ehe sie mündig wird. Und sobald dieses am Schnabel vorher-gegangen ist, so nehmen auch ihre Gesänge den Anfang, die Natur besorgeteinige Tage vorher das Harz zu ihren Violinen. (Johann Samuel Haller, Natur-geschichte der Tiere, 1757/1760.)
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