Druckschrift 
5 (1927) Erde, Gewächs und Weltall
Entstehung
Seite
132
Einzelbild herunterladen
 

nach außen gekehrter, offenkundiger, nahrungnehmender und nahrungs-bedürftiger Magen.

Hierauf wird im Polypen der vorhin äußere Magen in das Innere des überdem niederen Bedürfnis schon umhüllend und übermächtig schwebendenLeibes aufgenommen, die Organe des Empfindens und Fühlens sind abernur noch äußerlich sichtbare Fangarme.

In den höheren Tieren tritt das empfindende Organ innerlich verborgen inden abermals umhüllenden Leib als Nerve hinein, welcher, wie eine aus-leuchtende Sonne, die Strahlen seiner zurückwirkenden Kräfte als bewegendeMuskeln, seine aufnehmenden Enden als Sinnesorgane gestaltet.Die noch rohere basische Nahrung steiget im unvollkommneren Tiere nachder Oberfläche des Leibes hinan, um dort der äußeren Luft aufnehmend undausatmend zu begegnen: im vollkommneren Tiere sehen wir das Organ desatmenden Begegnens zuletzt als Lunge ins Innere des Leibes hineintreten.Es stellt sich der mit dem atmosphärischen Lebenshauche vereinten nährendenBasis abermals, ihrer übermächtig geworden, ein höherer, aufnehmender undausscheidender Leib mitten im bloß tierisch verdauenden entgegen, als eindie zum Blute gewordene Nahrung aufnehmendes und ausgebendes Herz,und auch dieses Pulsieren des auf- und niederwogenden Lebens läßt sichanfangs, ehe es ins Innere getreten, nur an der Oberfläche seines sichtbarenStromes, als Licht begehrendes, leises Zucken des tierischen Schleimesbemerken.

Der Knochen erscheinet bei einem tiefer eingehenden Betrachten nicht bloßals tote, mechanisch tragende Basis, sondern er erinnert in seiner Stellunggegen Nerven und Muskel an das beim Galvanismus mächtig wirkende,armierende Metall, und es erscheinet durch das innerliche Festgebunden-und Ausgestoßenwerden einer steinigt-toten Masse, nach jener bereits er-wähnten Entgegensetzung der Lebenswirkungen, das Freiwerden des von denNerven getragenen bewegenden und empfindenden Lebensprinzips erstmöglich zu werden. Wenigstens sehen wir ein vollkommneres Nerven-system und vollkommneren Blutumlauf erst da eintreten, wo sich ein voll-kommneres Skelett im Inneren findet.

Auch das Skelett erscheinet, zum Beispiel bei den Muscheln und Schnecken,Krustentieren und selbst Insekten, noch als etwas äußerlich Abgesetztes undAusgestoßenes, wird jedoch alsbald beim vollkommeneren Tiere ins Innere,von dem übermächtig gewordenen umhüllenden Leibe aufgenommen.Bemerkenswert ist jene Erscheinung, wo bei einigen Geschlechtern, welchean der Grenze zwischen den skelettlosen und skelettumfassenden Tierenstehen, zum Beispiel beim Nautilus, ein meist vom Fleische leer gelassenesund unumhülltes System von Kammern und Abteilungen auftritt, was offenbarein noch äußerliches, in den Leib noch nicht aufgenommenes, vorbildlichesRückenwirbelsystem ist, das schon auf der nächsten Entwicklungsstufe derTierform im Fische als gegliedertes Gehäuse des Rückenmarkes imInnern gefunden wird.

Jener Entwicklungsgang des Lebens, von Gebundenheit zur Freiheit, welchersich auf den höheren Stufen dem Auge im Innern der Wesen verbirgt und

132