Wenn die Trauben anfangen, zeitig zu werden und also die Aufmerksamkeitvon Vieh und Menschen auf sich zu ziehen, werden den Weinbergen ihreHüter von der Grundherrschaft angewiesen.
Die Anstalten zu einer nahen Weinlese im Tokayer Gebirge hört man weitund breit ertönen, und es werden außerordentliche Vorbereitungen dazugemacht.
Um sich einigermaßen die Menge von Vieh und Menschen in dieser Weinlesevorzustellen, muß man denken, was das für ein Auflauf ist, wenn auf einenBezirk von fünf Meilen zu die Straßen alle wohl auf zwanzig Meilen herTag und Nacht dicht befahren sind. Der Adel weit und breit, der Kern derBürger aus den königlichen Städten und alles, was ein bischen Geld 'hat,ist in der Weinlese: weil niemand sein Geld besser und sicherer anzulegenweiß als auf Weine, denn dieser ist der einzige ergiebige Handel in dieserGegend. Diese außerordentliche Menge von Volk vermehrt das junge Gesindeaus den Gegenden rund umher. Alle Bauernburschen und Mädchen laufenherbei. Sie lockt nicht bloß der geringe Lohn von ein paar Groschen desTages und die geschmackvolle süße Traube, sondern es läßt sich hier und daauch eine Geige hören, und da fliegen sie, wie die Bienen.Eine vollkommene Zeitigung der Trauben ist das Wesentlichste, worauf indieser Weinlese gehalten wird. Darum tut man es im Tokayer Gebirge andernLändern auch darin zuvor, daß später im Jahre, als überall, nach der Be-schaffenheit des Klimas, gelesen wird. Ordentlicherweise ist es die Stimmeder Kenner und des Volkes, die da ruft, wenn es Zeit ist, und diese Zeit kommtam gewöhnlichsten gegen Ende Oktobers, vor welcher die Weinlese seltenangeht, ausgenommen in einem sehr warmen Jahre, wie das i788ste war,wo man zehn bis vierzehn Tage früher als gewöhnlich zu lesen anfing, wasseit undenklichen Jahren nicht geschehen war.
Die Art der Einsammlung ist, wie jedermann sich füglich vorstellen kann,wenn er es auch nie gesehen hätte. Eine Reihe von Menschen stehen denWeingarten in die Länge oder Quere an, in einer geraden Linie und mehroder weniger dicht aneinander, je nachdem es der Stöcke oder der Fruchtund besonders der Trockenbeere viel gibt. Jedes sammelt, was es vor sichhat, in ein Scheffel oder in eine Wanne, schneidet die Ruten am Stockeauseinander, schirrt die Blätter auf der Erde weg und sieht, daß nichts ver-gessen bleibt. Wer sein Geschirr voll hat, schüttet es dem Büttenträger aufden Rücken, dieser trägt es an den Wagen in die Bütte und damit nach Hause,wenn sie voll ist. Die Trockenbeeren werden gleich auf der Stelle ausgelesen,die Mädchen sammeln sie in die Schürzen oder in Töpfchen, und die Purscheoben in den Hut, wie die ungrischen Bauernhüte sind. Von Zeit zu Zeitwerden sie ihnen in der Ordnung in ein größeres Gefäß abgenommen. Manpflegt die Trockenbeeren auch an eigens dazu verfertigten Tafeln auszu-suchen, auf welche der Büttenträger die Trauben hinschüttet. Rund herumsind Hände, die alles bessere noch hervorsuchen. Gemeiniglich aber sinddiese letzteren Trockenbeeren nicht so gut wie jene, so auf der Stelle beimStocke gleich ausgelesen werden, weil sie vom Safte der gedrückten Traube inder Bütte zum Teil schon angefeuchtet sind.
9 Wolters, Der Deutsehe. V, 1. J'y.a