Druckschrift 
5 (1927) Erde, Gewächs und Weltall
Entstehung
Seite
128
Einzelbild herunterladen
 

durch den geraden Weg des Stammes in seinen parallelen Röhren sich leichterheben und schwelgerisch ausbreiten konnten.

An diesem ästigen, harten, skirrhosen, ungeformten Klumpen Holz, der dieKrone des Weinstockes ist, treibt die Natur in jedem Frühjahre neue Schöß-linge, die man Reben nennt, und an diesen Reben hängt die Traube, dasherrlichste Gewächs des Erdbodens, dessen das menschliche Herz so oft frohwird, und dessen Saft so viele Analogie sowohl in der Art seiner Erzeugung,als auch in seinen Wirkungen auf den gesunden und kranken Menschen mitdem Nervensafte hat.

Gleich nach vollendeter Weinlese, wenn man ihm seine Frucht genommenund für dasselbe Jahr von ihm nichts mehr zu erwarten hat, wird der Wein-stock zugedeckt. Die ganze diesfällige Arbeit besteht darin, daß um den ganzenStock Erde aufgeworfen wird, die ihn bis über die Krone in der Form einesMaulwurf häuf ens bedeckt und den Winter über vor Kälte und Nässe schützen soll.Die allererste Arbeit im Frühjahr ist das Aufdecken, sobald die Erde aufgehtund die Witterung anfängt warm zu werden, welches hier um die Mitte desMärzes und manches Mal auch schon zu Anfang geschieht.Gleich darauf wird geschnitten, und zwar so früh im Jahre als möglich,damit der Saft aus der Wurzel nicht in die Reben trete, die abgeschnittenwerden sollen, und damit dem neuen Betriebe und den künftigen Rebennichts entgehe.

Das eigentliche Setzen, die Art und Weise, neue Weinberge anzulegen odersonst leere Plätze geschwind zu bepflanzen, geschieht nur mit Weinrebenoder Ruten, die man sonst abschneidet oder wegwirft.

Die dritte, merkwürdigste, geschwindeste und nützlichste Art der Vermehrungvon Weinstöcken eines Weinberges ist das Versenken der Stöcke.Der Stock wird samt der Wurzel tief abgegraben, die Grube wenigstens andert-halb Schuhe tief und in einem Umfange nach Absicht, wie die Reben verteiltwerden sollen und wie viele ihrer sind, bald in Rundung, bald als ein Drei-oder Viereck rein ausgegraben, der alte Stock mit seiner Wurzel tief in dieErde hineingetreten und seine Reben so gebogen und gezogen, daß sie inder gehörigen bestimmten Entfernung voneinander eine kleine Spanne langaus der Erde mit den Spitzen hervorragen. Diese Art der Vermehrung derWeinstöcke ist sicher die beste und sicherste.

Nach dieser Arbeit werden die Weinberge das erstemal gehauen und umge-graben. Die bekannteste aller Weingartenarbeiten, die drei- bis viermal biszur Lese wiederholt werden muß, je nachdem es die Festigkeit des Bodensund das Anwachsen des Grases und Unkrautes erfordert.Hat der Weinstock die Periode der Fröste glücklich überstanden, hebenseine Reben sich höher, werden sie schlank und schwankend, so haben sievom Winde viel auszustehen, je mehr die Lage eines Weinberges ihm aus-gesetzt ist. Darum müssen sie an Pfähle gebunden werden. Während derBlütezeit darf nichts gearbeitet werden. Zum Beschluß wird noch einmalgehauen, dann kann ruhig und still die langsam reifende Traube der Zeitder Weinlese entgegen harren, wo sie zum Lohne der Arbeit von ihremPfleger zur Kelter getragen wird und in erquickenden Most zerfließt 1

128