Druckschrift 
5 (1927) Erde, Gewächs und Weltall
Entstehung
Seite
127
Einzelbild herunterladen
 

vom Berge herabgerollt sind, teils fest am Boden sitzen, die Durchfahrt äußerstbeschwerlich, ist es hingegen nasse Witterung, dann wehe dem armen Vieheund der Nase des Passagiers: Solche Unwegsamkeit, solcher Gestank! kurz:unter den schlechtesten Straßen in Ungarn bei dem übelsten Wetter, was sehrviel gesagt ist, bleibt dennoch der Weg durch Tokay der schlechteste, denman weit umher sehen kann. Kommen die Ausgießungen der Theiße undBodrog, wie das öfters im Jahre geschieht, dazu, so ist rundherum der Zugangentweder gesperrt oder eine Stunde lang im Wasser höchst gefährlich, unddie gute Stadt sitzt da auf ihrem gleichwohl etwas höhern steinigen Uferwie Ariadne auf NaxosI

Die Pflege des Weinstocks ist dagegen hier in einer Vollkommenheit, welchevielleicht nirgendwo so weit gebracht worden ist. Man muß oft erstaunen,von einem Winzer Beweise und Erklärungen zu hören, die man von manchemProfessor der Physik oft vergebens erwartet. So lauter sind ihre Urteile,und so sicher hat die Erfahrung ihre Arbeiten gemacht. Sie wissen immernach Maßgabe des Bodens und der Witterungen des Jahres ihre Arbeiten zubesserer Einträglichkeit des laufenden oder des künftigen Jahres einzurichten.Sie sind im höchsten Grade spekulativ. Diese Leute haben weder Schreibennoch Lesen gelernt, sie fangen als Kinder mit der Haue an und erlangenohne Anleitung nur durch Übung und Erfahrung das, was sie wissen. Amallermeisten ist das botanische Genie dieser Leute zu bewundern: der Gattungenvon Trauben sind wenigstens hundert, die hier gepflanzt werden, und diesealle nennt ein Winzer mit Namen und unterscheidet sie vom bloßen Blatteund im Winter sogar an den Reben.

Der Weinstock gehört ganz eigentlich unter die Klasse der Gesträuche. SeineBlüte, ein kleiner fünfzähniger Kelch mit fünf kleinen zusammenhängendenBlumenblättchen, ist äußerst hinfällig, und mit verletzter Blüte ist es auchseine Frucht. Dies ist den Weinbauern gar wohl bekannt, und es ist dahereine große ökonomische Regel, daß zur Zeit der Blüte des Weinstocks in denWeingärten nichts gerührt oder gearbeitet würde.

Mit einer markigen langen Wurzel, die in unendlich vielen kleineren sich indie Erde verwickelt und länger wird, je nachdem der Stock alt ist, an dasErdreich festgesessen, sproßt er in häufigen Ästen aus der Erde hervor, diesich an dem Boden fortschleppen oder, wenn sie etwas ergreifen oder ge-flissentlich an Bäume und Spaliere gezogen werden, in eine ungeheure Längefortwachsen, aber zu der Festigkeit eines Baumes, der für sich allein auf-recht stünde, gelangen sie nie.

Da aber die Erfahrung gelehrt hat, daß seine Frucht desto schlechter sei,je entfernter sie von der Wurzel ist, so läßt man ihn nur auf eine gewisseLänge wachsen. Gleich bei seiner Anpflanzung wird er am ersten Knoteneine Spanne hoch über der Erde abgeschnitten und an eben der Stelle jedesmalim Frühjahre auch seine Schößlinge, so entsteht nach und nach an dem kurzen,aus der Erde nur wenig hervorstehenden Stamme ein Klumpen von Holzund Rinde und Narben und verkrüppelten Gefäßen, durch welche die Säfteaus der saftreichen Wurzel des Weinstockes zu neuen Sekretionen und zumBetriebe neuer Schößlinge jetzt nur mühsam heraufsteigen, da sie sonst

127