hervor, sind sanfter, verschwebender, gehen allmählich ineinander über, auchsind die Blätter beweglicher, spielender. Dazu tritt aber wieder die mächtigeGröße und Stärke des Stammes wie der Äste, die, wenn auch mehr spitzwinkligaufsteigend, doch dicht belaubt einen weiten Raum mit ihrem Schatten be-decken. So gesellt sich bei der Linde zu der Anmut der Gestalt, die noch er-höht wird durch den Duft der Blüten, auch Festigkeit und Größe. (HermannMasius, Andeutungen zu einer Physiognomik der Bäume, 1843.)
DEUTSCHER URWALD AN DEN QUELLEN DER MÜRZ
Höchst merkwürdig ist der große, üppige und wohlgeschützte Kessel dieser un-absehbaren Waldwüste. Ein Bild großartiger Schöpfung und prachtvoller Wild-nis, überwältigt er auch das starrste Gemüt mit scheuer Ehrfurcht vor den ge-waltigen Werken Gottes. — Die Natur, welche hier seit den Tagen der jetzigenWeltgestaltung allein und ungestört waltete, hat da ein Unglaubliches an vege-tativer Kraft und Erzeugung zusammengehäuft, sie hat hier Anfang und Voll-endung, pflanzliches Leben und Tod in riesenhaften Formen überraschendnebeneinander geordnet.
Die Fichten, die Tannen und selbst die Lärchen dieses Kessels erreichen eineLänge von 150—200, eine untere Stammstärke von 5—8 und einen Massen-gehalt von 1000—2000 Kubikfuß, die Buchen auch 120—150 Fuß Länge,3—5 Fuß untere Stärke und 300—1000 Kubikfuß Holzmasse, und lassen so-mit all das weit hinter sich, was wir in unseren modernen Holzbeständen zusehen gewohnt sind. An diesen Baumkolossen schätzen sich die geübtestenMassenschätzer des Flachlandes zuschanden.
Die Majestät dieses gewaltigen Hochholzes ist aber eine schauerliche, denninmitten der Stämme höchster Lebenskraft stehen allenthalben die abge-storbenen Zeugen früherer Jahrhunderte umher, mit gebrochenen Ästen undGipfeln, die rindenlosen Schäfte geisterbleich und vielfach durchlöchert vonden Insekten suchenden Spechten, öfter auch in langgestreckte Splitter endendeStrünke vom Sturm gebrochener Fichten.
Das Riesenhafte dieser Vegetation rührt nicht bloß daher, daß die Stämmebis zu ihrem natürlichen Aussterben, also über das gewöhnliche Haubarkeits-alter hinaus, fortwachsen und ihre Masse mehren können, sondern ganz be-sonders auch vom Vorhandensein aller Umstände, welche eben das Lebens-alter der Bäume auf die äußerste Grenze hinauszurücken geeignet sind. Dasrauhere Klima, die mehr gleichmäßig feuchte Atmosphäre, der äußerst humoseBoden, der eigentümliche, gewissermaßen nie unterbrochene Waldesschluß,welcher das Wachstum der Stämme in der Jugend zurückhält und ihren Fußbeständig schützt, das alles zusammengenommen fördert so absonderlich dieLebensdauer, daß diese Baumriesen, wenn sie nicht etwa früher vom Sturmzerrissen werden, meist ein Alter von 300—400, öfter sogar von 600 Jahrenerreichen.
Tausende von kolossalen Schäften, wie sie Alter und Orkane nach und nachübereinander geworfen haben, bedecken kreuz und quer — oft als wirrer Ver-hau — den graslosen Boden. Hier ein frischer, eben vom Sturme in der Fülle
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