jedes einzelnen Blattes in der Summe aller Blätter wiederholt. Wenn dieobersten Pflanzenblätter schmäler sind, als die mittleren, so kommt dies daher,weil in ihnen die Zusammenziehung, welche in der Bildung des Kelches voll-endet wird, schon anfängt. Wenn dagegen die unteren Pflanzenblätter schma-ler sind, als die mittleren, so kommt dies daher, weil sie den unterirdischenBlättern, den Wurzelzasern, näher liegen, und weil fast jede Annäherung in
der organischen Natur zugleich mit einer Assimilation verbunden ist.--------
Es gibt Pflanzen, die auf einem so unfruchtbaren Erdreiche wachsen, daß ihrFortkommen ganz und gar unbegreiflich wäre, wenn man nicht annähme, daßihnen mehr Nahrungsstoff aus der Atmosphäre, als aus dem Boden zuflösse.Hierhin gehört die an den Felsen des Urgebirges hängende Tanne, hierhin dieaus dürrem, aufgeschwemmtem Sande hervorschießende Fichte, hierhin derWachholderstrauch und die Heidekräuter der Wüsten. Bei diesen Pflanzenübernehmen die Blätter, welche bei den übrigen Gewächsen fast einseitig derRespiration vorstanden, zugleich einen Teil der Wurzelfunktion und ver-schlingen aus der Atmosphäre nicht blos Gasarten, sondern auch gröbere, inderselben suspendierte Nahrungsstoffe. Aber eben dadurch, daß sie sich infunktioneller Beziehung den Wurzelzasern verähnlichen, verlieren sie dieeigentümliche Blattform, zeigen ein Streben nach der Längenrichtung undwerden in ein Mittelgebilde zwischen Blatt- und Wurzelzaser umgewandelt.Durch diese morphologische Assimilation ist der Unterschied der Nadelhölzerund Laubpflanzen auf eine teleologische Weise begreiflich.Nicht selten werden infolge einer voreiligen Metamorphose einzelne Teile derWurzel über die Erde hervorgehoben, und sobald diese das Licht der Welt er-blicken, folgen sie ganz und gar den Bildungstypen des oberirdischen Teils.Die Wurzelzasern werden sprossend den oberirdischen Zweigen nachgebildet,und an den peripherischen Endigungen derselben entfalten sich die Zasernzu wirklichen Blättern und führen so den handgreiflichen Beweis, daß dasStengelblatt nichts anderes, als eine aus der Erde hervorblickende, durch denexpandierenden Einfluß des Lichtes breiter gewordene Wurzelzaser ist. (JosefHerrmann Schmidt, Zwölf Bücher über Morphologie, 1831.)
GESELLIGKEIT DER PFLANZEN
Auch die Pflanzen haben im Umgang miteinander wie die Menschen ihre Nei-gungen und Abneigungen, bald dem Sprichwort gehorsam gleich und gleichsich gesellend, bald fern von ihresgleichen die Gesellschaft des Unverwandtensuchend. Dies hat schon seit alter Zeit den Begriff der geselligen Pflanzengegründet. Ja, als man, namentlich nach Humboldts Vorgange, das stilleVolk der Pflanzen im Sinne einer Bevölkerung neben der Tierbevölkerung desErdenrundes auffaßte, bildete sich allmählich die Lehre von der geographischenVerteilung der Gewächse aus, in welcher die gesellige Seite ihre Rolle spielt.Nicht der Zufall oder die Launen des Windes und der Gewässer — welche dieSamen bald hier- bald dorthin tragen — bestimmen den Pflanzen ihre Stätteallein. Es herrscht hier wie bei der menschlichen Gesellschaft ein Zug mäch-tiger Kräfte oder einer sanften Innigkeit, dem die Pflanzen, wie oft auch wir,
8 Wolters, Der Deutsche. V, I. ___