Frühling einen Obstbaum mit Blüten überschüttet sah, wovon unmöglich derzehnte Teil Frucht ansetzen kann — wird der noch an dem üppigen Überflussezweifeln, den die Natur nicht zu achten scheint, um ihres Zweckes gewiß zusein ? Der Drang ist bewundernswert, womit sich alles Elementarische bestrebt,Gestalten anzunehmen, auch scheint es fast, daß, wie die Urstoffe der Natur zuhöherem Leben gradiert sind, dieses Bedürfnis nur desto dringender werde.Ist dieses aber jetzt der Fall, da alle Formen bereits gebunden sind — mitwelcher unaufhaltsamen Gewalt mußten sie nicht diese Urstoffe aus einemChaos an sich reißen, worin noch nichts organisch Gebildetes vorhanden war,und worin sie zum erstenmal ihre Anziehungskräfte äußerten? Man möchte sichden Augenblick als den erhabensten in der Geschichte unseres Planeten denken,den Augenblick, da Form und Stoff sich plötzlich auf dem ganzen Erdenrundergriffen und Millionen organischer Wesen seine Tiefen und seine Berggipfelmit der Götterfreude des jungen Lebens und der Spontaneität, wie auf ein aus-gesprochenes Zauberwort, mit einemmal erfüllten! (Georg Forster, Geschichteder Reisen, 1791.)
DIE ZWEI POLE DES PFLANZENLEBENS
Die Pflanze ist ein zwischen Licht und Erde gespannter, nach oben freier, nachunten in die Bande des Irdischen versenkter Organismus. Diese Zerfällung inzwei große Lebensrichtungen, welche einander diametral entgegenstehen, be-greift das innerste Wesen des Gewächses.-------Die Pflanze läßt mit dem ersten
Momente ihrer Lebensäußerungen im Keimen zwei ganz verschiedenartige Rich-tungen, nach unten und oben, hervortreten und verfolgt dieselben Richtungenunablässig bis an das Ende ihres Lebens. Sie wächst nach unten und nach obenund differenziert in diesem gedoppelten Wachstum den Niederwuchs und denAufwuchs so vollständig, daß die Erscheinung ihrer beiden großen Systemeganz verschiedene Gestaltung mit sich bringt und einhält. Doch können diesebeiden von Anfang an wie feindliche Brüder auseinander tretende Systemenur in Wechselwirkung bestehen. Es gibt keine Wurzel, die ohne einen Teildes von ihr aus nach oben Wachsenden lebendig bliebe. Kein oberirdischerPflanzenteil kann bestehen, ohne einen Niederwuchs, der gleichzeitig mit ihm
gebildet wäre oder sich nachher aus ihm entwickelte.--------
In den zwei Hauptsystemen des Niederwuchses und Aufwuchses und in denbeiden oberirdischen Systemen der Achse und des Blattes legt das Gewächsseine ganze Natur bloß, und wir könnten fast sagen, daß, wo Wurzel, Stengel undBlatt vorhanden ist, eine ganze Pflanze vorhanden sei. Alle ihrer Natur we-sentlichen Aufgaben vermag sie zu erfüllen. In ihrem wesentlichen und durch-greifendsten Gegensatze wurzelt sie nach unten in die Finsternis, streckt siesich nach oben gegen das Licht. Sie grünt gegen die Sonne hin, solange dereine Pol des Aufwuchses, — der Stamm in ihr überwiegt, sie blüht in der Be-wältigung dieses Poles durch das verwandelte Blatt. Dann erzeugt sie aus demäußersten oder letzten der umgestalteten Blätter ein neues Individuum, welches,schon ursprünglich wieder die organischen Hauptsysteme des Auf- und Nieder-Wuchses in sich tragend, als Keim im Samenkorn von Neuem die mütterliche
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