fräulichkeit erscheint, um sich bald darauf dem allgemeinen Naturgesetzezu unterwerfen. Still und gespannt stehen die wenigen, die die Gunst desAugenblicks zu diesem Feste lud, um den Gegenstand ihrer Achtung, ihrerBewunderung, höchstens diese Stille durch halblaute Mutmaßungen unter-brechend. Mit unverwandtem Auge sieht ein jeder auf den Mittelpunkt desWassers, wo die Blume, mit der Züchtigkeit einer Braut, in den großen rot-braunen viergeteilten Kelchblättern sich noch versteckt hält, die, wie auchder Fruchtknoten, reich mit Stacheln versehen, gleichsam zur Ehrenwachedienen, um jeden Angriff von außen gebührend zurückzuweisen, ohne jedochvor den lüsternen Augen das Innere, welches an den Seiten der Kelchblätterin langen weißen Streifen durchscheint, gänzlich verbergen zu können. Istes Ermunterung und Einwirkung von außen oder ist es innere Ungeduld undzurückgekehrter Mut, kurzum, die grimmigen Wächter werden bald einer nachdem anderen zurückgedrängt und legen sich nach und nach, der innerenGewalt, zwar nur mit Widerstreben, nachgebend, zu den Füßen ihres Schütz-lings, um ihr zur Seite zu bleiben, nieder, währenddessen die sich plötzlichfrei fühlende Blume in übermütiger neckischer Laune eine Blumenfalte nachder anderen löst und nach allen Seiten hin ihr herrliches elfenbeinweißesBlumenkleid fallen läßt. So steht sie in voller Glorie in der Farbe der Un-schuld vor uns, geziert mit majestätischer Grazie. Ihr Inneres scheint inheftiger Aufregung zu sein, da sie sich in unruhiger Bewegung im Halbkreisebald rechts bald links wendet. Ihr warmer Odem strömt dabei einen Duft aus,der ihre Umgebung mit einem herrlichen Aroma erfüllt. —„Aber siehe dal — die Bewegung stockt, und die Blume im jungfräulichenSchmucke hält die inneren Petalen fest geschlossen. — So verfließt die ersteNacht, gegen Morgen schließen sich die Petalen wie Vorhänge und suchenselber Schutz unter den lederartigen Decken des Kelches, als ob das Feuerdes Tages ihrer reinen Weiße schaden könnte. Alles geht wieder zur Ruhe,aber mit der Rückkehr der Dämmerung erwacht die Jungfrau. Die Korolle*)breitet sich aus in Kelchform, dann zu einer großen flachen Glocke, derenRand auf dem Wasserspiegel ruhet, die Röte nimmt zu, wie sich der innereZirkel der Petalen erschließt, den tiefrosigen Globus einrahmend, der nochihren Schoß verschlossen birgt. Aber jetzt öffnet sich auch dieses letzte Tor,ihre Palisaden richten sich auf zu einer ausgezackten Krone oder wie die„feurigen Zungen", womit die Wappenmalerei ihre „flammenden Herzen"bezeichnet. Alle diese Bewegungen folgen sich in weniger denn zwei Stunden.Nachher, vollkommene Ruhe außerhalb des Kreises dieser rosafarbenen Pali-saden und innerhalb unruhige Bewegung, verwirrtes Durcheinander derStaubgefäden, die sich aufrichten, drängen und durchkreuzen, ihren befruch-tenden Staub verbreitend, dann endlich überall Ruhe. Gegen Mitternachtschließen sich wieder die Strahlen ihrer Krone, ihnen folgen mit anbrechendemMorgen die Petalen und die Blume taucht unter, um dort die Frucht ihrermysteriösen Liebe zu verbergen." —
Dies wären die verschiedenen Stadien des Blühens: die Blume öffnet sich amersten Tage nur zur Hälfte, indem nur die äußern Reihen der dichtliegenden
*) Korolle = Blumenkrone.
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