Frische der Lebenskraft nimmer fehlte, mit der sie allen Fällen und Unfällenim Lauf so zusammengedrängter Wesen vorkommen mußte: machte sie dieZeit der Liebe zur Zeit der Jugend und zündete ihre Flamme mit dem feinstenund wirksamsten Feuer an, das sie zwischen Himmel und Erde finden konnte.
Unbekannte Triebe erwachen, von denen die Kindheit nichts wußte.--------
Im ersten Paar einer Gattung wollte sie sie alle, Geschlechter auf Geschlechter,pflanzen, sie wählte also fortsprießende Keime aus den frischesten Augen-blicken des Lebens, des Wohlgefallens aneinander, und indem sie einemlebendigen Wesen etwas von seinem Dasein raubt, wollte sie es ihm wenigstensauf die sanfteste Art rauben. Sobald sie das Geschlecht gesichert hat, läßtsie allmählich das Individuum sinken. Kaum ist die Zeit der Begattung vor-über, so verliert der Hirsch sein prächtiges Geweih, die Vögel ihren Gesangund viel von ihrer Schönheit, die Fische ihren Wohlgeschmack und die Pflan-zen ihre beste Farbe. Dem Schmetterling entfallen die Flügel und der Atemgehet ihm aus, ungeschwächt und allein kann er ein halbes Jahr leben.Solange die junge Pflanze keine Blume trägt, widersteht sie der Kälte desWinters, und die zu frühe tragen, verderben zuerst. Die Musa hat oft hundertJahr erlebt: sobald sie aber einmal die Blüte entfaltet hat, so wird keine Er-fahrung, keine Kunst hindern, daß nicht der prächtige Stamm im folgendenJahr den Untergang leide. Die Schirmpalme wächst 35 Jahr zu einer Höhevon 70 Schuhen, hierauf in 4 Monaten noch 30 Schuh, nun blüht sie, bringtFrüchte und stirbt in demselben Jahr. Das ist der Gang der Natur bei Ent-wicklung der Wesen auseinander: der Strom geht fort, indes sich eine Wellein der andern verliert. (Herder, Ideen zur Philosophie der Geschichte derMenschheit, 1784/1791.)
SINN DES BLÜHENS
Die Pflanze ist von einer höheren Ahnung, von einem edleren Bildungstriebe be-herrscht, sie ist gesteigert, wenn sie die ganz neuen Formationen des geschlecht-lichen Apparates nicht bloß aus sich hervorbildet, sondern auch in denselben einZukünftiges, ein Ideelles darstellt, wozu sie ihre neue Schöpfung beseelen soll.Die Pflanze wird dann sozusagen von ihrem eigenen Zustand ergriffen, sieerleidet eine allgemeine Umstimmung, sie wird von der wenn auch noch sodunklen Vorstellung ihrer organischen Endlichkeit zu der Vorbereitung,Ausprägung und Beseelung eines anderen Endlichen fortgerissen, das nachihr sein, das dann wieder ganz sie selbst sein soll. So ist sie also in der Tatin einen ihr vorher ganz unbekannten Trieb, in einen Affekt versetzt, sie istin den Zauberkreis der Liebe getreten. Darum beginnt sie nun zu schaffenmit einer ihrem früheren ruhigen Dasein ganz unbekannten Unruhe. Mankönnte sagen, sie sei eine ganz andere geworden. So erscheint uns die Pflanzebesonders da, wo sie die frühere, rein vegetative Richtung plötzlich und aufeinmal einhält und dagegen, unter höheren Formen, mit der edleren Tat desgeschlechtlichen Lebens hervorbricht. Ich erinnere an den schönen Straußeiner Roßkastanienblüte, wie er am Ende eines mit Laubblättern versehenenZweiges entsteht, oder an die in ähnlicher Weise auf die Laubblätter folgendeblumenreiche Rispe eines Fliederstrauches. Wie mächtig hat hier das Ge-
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