Das Meer ist die Geburtsstätte des Lebens. Ein tiefes, wenn auch instinkt-artiges Gefühl ließ schon frühe den Menschen diese Bedeutung des Meeresahnen. In allen Kosmogenien spielt das Meer die Rolle des ersten, des wichtig-sten Elementes. Erst aus dem Flüssigen entwickeln sich die festen Gebilde,die Gestalten: Pflanzen, Tiere und Menschen. Das Chaos der Griechen, dieNeith der Ägypter, das Urmeer der Babylonier sind alles nur dieselbe noch in-differente flüssige Urmaterie, aus welcher die bildende Kraft durch Trennenund Formen die Welt erstehen läßt, und diese Ahnung der alten Welt hatdie Wissenschaft der neueren zu klaren Gedanken erhoben. Aus einem feurigflüssigen Zustande, so konstruiert die Hypothese, aus einer geschmolzenenMasse erstarrte allmählich unsere Erde zu einem wenigstens mit fester Rindeumgebenen Ball. Aber die hohen Temperaturen zwangen noch lange alles, wasflüchtiger war, als die zunächst festwerdenden Stoffe, in Dampf oder Gasformzu verharren und eine Atmosphäre zu bilden, die von unserer jetzigen un-endlich verschieden ist, eine Atmosphäre, die mit einem solchen Drucke aufder Erde lastete, daß sie das Wasser des Himmels geschwängert mit den darinlöslichen Salzen zwang, sich auf die Erde herabzustürzen und hier tropfbar-flüssig zu verharren in einer Temperatur, die heute alles Wasser augenblick-lich in Dampf verwandeln würde. Diese überhitzte Flüssigkeit zehrte abersogleich auflösend an der festen Erdrinde, darauf veränderte sich ihr Gehalt,ihre chemische Natur, und so leiteten sich die tausendfachen Prozesse ein,aus denen alle die reichen Gebilde der Erde in vieltausendjährigen Entwick-lungsreihen hervorgingen. Das heiße Salzmeer war wohl das erste undursprüngliche, und es mußten erst eine ganze Reihe von Veränderungenauf der noch rohen, ungestalten Erde und besonders in der dicken, mit nochso vielen fremdartigen und ungehörigen Stoffen geschwängerten Atmosphärevorgegangen sein, ehe sich aus dem Meere das reine, salzfreie Wasser in dieLuft erheben, zu Wolken bilden und aus diesen als Regen niederfallend derErde die süßen Quellen und Bäche geben konnte. Aber ehe das geschah,hatten schon in den Tiefen des Salzmeeres die Kräfte der Natur die Elementar-stoffe zu besonderen Bildungen vereinigt, das formlos Lebendige entstehenlassen, aus dessen ersten Anfängen sich die unendlichen bunten und mannig-faltigen Organismenreihen auf der Erde entwickelten. (M. J. Schieiden, DasMeer, 1888.)
EBBE UND FLUT
Wir waren vor Antwerpen mit der ausströmenden Ebbe abgefahren, undunser Schiff schoß rasch mit den wetteifernd ablaufenden Gewässern desFlusses und des Meeres zur Scheide hinaus. Da stürzten sich in eiliger Hastmächtige Ströme durch die Oster- und Westerschelde und durch alle dieanderen Mündungen ins Meer hinaus. Alle Gewässer sind in Bewegung, ausallen Flieten, Kanälen, Gräben und Zweigadern des Landes strömt es heraus,wie in den Straßen einer Stadt nach einem heftigen Regen. Es war ein Schau-spiel, wie es Noah am Ende der Sündflut hatte. Überall wuchsen trockeneLänder aus dem Grund hervor und nahmen zusehends an Umfang zu. Jede
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