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5 (1927) Erde, Gewächs und Weltall
Entstehung
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DAS MEER ALS URZEUGERINVenus und Cytherea hat man zwei Muscheln genannt und damit dem dichte-rischen Geiste der Alten eine Huldigung dargebracht. In der Tat zieht sicheine wunderbare, geheimnisvolle Ahnung als Band durch alle die Vorstel-lungen, Gedanken und Gefühle, welche das Meer erweckt, und ist in tausend-fachen Formen, in unendlichen Reizen der Auffassung und Darstellung inden dichterischen Meisterwerken und dem seelischen Leben der Alten aus-geprägt. Die Erhabenheit und Schönheit des Meeres, die Fülle seines Lebens,die Pracht und der Reichtum seiner Organisation schufen der Phantasie einglänzendes Bild, in welchem sich das Gefühl ausspricht, daß die Schönheitdie Mutter der Liebe die Liebe das erhaltende und schöpferische Band ist,welches alle lebenden Wesen, die ganze Natur umschlingt. Aus dem Meererhebt sich die Anadyomene, die aus dem Urquell alles Lebens hervorgegangene Aphrodite, die Schaumgeborene. Die schönsten Inseln, die Perlen desArchipelagus, nehmen sie jauchzend auf und werden ihre Heimat. Siewird Cythere, Kypris und hat auf Melos ihre Tempel.Die Feuchte ist derUrstoff aller Dinge, die Mutter aller Wesen", singt Orpheus, und AphroditePontia, die Venus marina, ist die schaffende Feuchte, die Venus Cyblis dasBild des Naß, die Venus Salmacis des Lucrez die aus der Salzflut Geborene.Bald setzt sie, wie auf einem Bilde zu Elis, ihren Fuß auf eine Schildkröte,welche in der indischen Philosophie die Welt trägt, bald verwandelt sie sichauf der Flucht vor Typhon in einen Fisch, wie der welterlösende Gott der Brah-manen oder der babylonische Urvater der Menschheit, der Fischmensch,Joannes. Plautus gibt der Pontia eine Muschel in die rechte Hand, und inRom findet sich eine Marmorstatue, welche die Venus in einer Muschelsitzend darstellt. Pausanias nennt sie Euploia, die Seglerin. So verknüpftsich jede Seite, die das Meer dem denkenden und fühlenden Menschen dar-bietet, in dem reinen Schönheitssinn der Alten mit den Begriffen des Lebens,der Liebe, der Schönheit und Glückseligkeit. Der Gott des Meeres Poseidonheißt auch Delphinios, nicht weil etwa der Delphin ein Meerestier ist, sondernweil der Delphin die Harmonie liebend und deshalb auch den Arion tragend,die Einigung der Gegensätze herbeiführt und so wie das ewig zeugende Meerschaffend und weltbildend tätig ist. Darum reitet Eros, der alte Vertreterder einigenden und die wilden Gegensätze des Chaos aussöhnenden und zumLeben führenden Kraft, auf einem Delphin zur Hochzeit der Thetis, derGöttin des schöpferischen und vielgestaltigen Meeres. Aber der Poseidon istauch der Erderschütterer, wie ihn Homer nennt. Schon früh sprach sich dieAhnung des Zusammenhangs der meist in der Meeresnähe liegenden tätigenVulkane und der von ihnen verursachten Erdbeben mit dem Einfluß desMeeres in diesem Beiwort des Gottes aus. Der Beweger der Erde ist er beimPindar, und der das Gebrülle der alles verschlingenden Wogen personifi-zierende Polyphemos ist, wie auch die feindseligen Riesen Otus und Ephialtes,sein Sohn. Und wenn Sturmeswolken den Himmel bedecken und das Meerim Drucke des bewegten Luftkreises aufächzt, so färbt es sich plötzlich dunkel:Poseidon Kyanochaites, der Dunkelgelockte, peitscht mit seinem Dreizackdie Fluten, daß sie sich in wilden Wogen aufbäumen.

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