DER BAUM DES ALLS
Der Anblick des gestirnten Himmels, die relative Lage der Sterne undNebelflecke wie die Verteilung ihrer Lichtmassen, die landschaftlicheAnmut des ganzen Firmaments, wenn ich mich eines solchen Ausdrucksbedienen darf, hangen im Laufe der Jahrtausende gleichmäßig ab von dereigenen wirklichen Bewegung der Gestirne und Lichtnebel, von der Trans-lation unseres Sonnensystems im Welträume, von dem einzelnen Auf-lodern neuer Sterne und dem Verschwinden oder der plötzlich geschwächtenLicht-Intensität der älteren, endlich und vorzüglich von den Veränderungen,welche die Erdachse durch die Anziehung der Sonne und des Mondes erleidet.Die schönen Sterne des Zentaur und des südlichen Kreuzes werden einst inunseren nördlichen Breiten sichtbar werden, während andere Sterne (Siriusund der Gürtel des Orion) dann niedersinken. Der ruhende Nordpol wird nachund nach durch Sterne des Cepheus und des Schwans bezeichnet werden, bisnach 12000 Jahren Wega der Leier als der prachtvollste aller möglichen Polar-sterne erscheinen wird. Diese Angaben versinnlichen uns die Größe von Be-wegungen, welche in unendlich kleinen Zeitteilen ununterbrochen, wie eineewige Weltuhr, fortschreiten. Denken wir uns, als ein Traumbild der Phan-tasie, die Schärfe unserer Sinne übernatürlich bis zur äußersten Grenze desteleskopischen Sehens erhöht, und zusammengedrängt, was durch große Zeit-abschnitte getrennt ist, so verschwindet urplötzlich alle Ruhe des räumlichenSeins. Wir finden die zahllosen Fixsterne sich wimmelnd nach verschiedenenRichtungen gruppenweise bewegen, Nebelflecke wie kosmische Gewölke um-herziehen, sich verdichten und lösen, die Milchstraße an einzelnen Punktenaufbrechen und ihren Schleier zerreißen: Bewegung ebenso in jedem Punktedes Himmelsgewölbes walten, wie auf der Oberfläche der Erde in den keimen-den, blättertreibenden, Blüten entfaltenden Organismen der Pflanzendecke.(Alexander von Humboldt, Kosmos, 1845/1850.)
DIE SONNE1Unsre Sonne stehet samt allen sie umkreisenden Planeten, Monden und Kome-ten in einem Welträume, welcher selber lichtlos und unerleuchtbar, die Strahlenauch der fernsten Lichtwelten ungeschwächt und unverändert zu unseremAuge hindurchlässet. Wäre diese Weitung erleuchtbar, so würde für uns keineNacht sein; denn wie schon unser Luftkreis noch lange nach dem Untergangeder Sonne oder vor ihrem Aufgange ein dämmerndes Licht in die niedere Regionder Schatten streuet, so würde der immer von der Sonne beleuchtete Welt-raum die ganze Nacht hindurch sein erborgtes Licht auf die Erde zurückstrahlen,und selbst unsere Mitternächte würden ohne Stern sein. Es würde deshalb einirdisches Auge, wenn es mitten in jener lichtlosen und unerleuchteten Weitungstünde, nach der Sonne gekehrt, vor sich die brennend helle Scheibe dieserleuchtenden Welt auf dunkelschwarzem Himmelsgrunde, neben sich aber denst»rnenbedeckten, nächtlichen Himmel erblicken.--------
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