Staunen an und verzweifeln, uns zu der Vorstellung einer so weit zurück-liegenden Zeitperiode aufzuschwingen, und doch mußte das Menschengeschlechtoffenbar schon Jahrtausende bestanden und sich vermehrt haben, ehe diePyramiden und Ninive gebaut werden konnten. Wir schätzen die Menschen-geschichte auf 6000 Jahre aber so unermeßlich uns dieser Zeitraum auch er-scheinen mag, wo bleibt er gegen die Zeiträume, während welcher die Erdeschon eine lange Reihenfolge jetzt ausgestorbener, einst üppiger und reicherTier- und Pflanzengeschlechter, aber keine Menschen trug, während welcherin unserer Gegend der Bernsteinbaum grünte und sein kostbares Harz in dieErde und das Meer träufelte, wo in Sibirien, Europa und im Norden Amerikastropische Palmenhaine wuchsen, Rieseneidechsen und später Elephantenhausten, deren mächtige Reste wir noch im Erdboden begraben finden? Ver-schiedene Geologen haben nach verschiedenen Anhaltspunkten die Dauerjener Schöpfungsperiode zu schätzen versucht und schwanken zwischen1 und 9 Millionen von Jahren. Und wiederum war die Zeit, wo die Erde or-ganische Wesen erzeugte, nur klein gegen die, wo sie ein Ball geschmolzenenGesteins gewesen ist. Für die Dauer ihrer Abkühlung von 2000 bis 200 Grad er-geben sich nach Versuchen von Bischof über die Erkaltung geschmolzenenBasalts etwa 350 Millionen Jahre. Und über die Zeit, wo sich der Ball des Ur-nebels zum Planetensystem verdichtete, müssen unsere kühnsten Vermu-tungen schweigen. Die bisherige Menschengeschichte war also nur eine kurzeWelle in dem Ozean der Zeiten; für viel längere Reihen von Jahrtausenden,als unser Geschlecht bisher erlebt hat, scheint der jetzige seinem Bestehengünstige Zustand der unorganischen Natur gesichert zu sein, so daß wir undlange, lange Reihen von Generationen nach uns nichts zu fürchten haben.Aber noch arbeiten dieselben Kräfte der Luft, des Wassers und des vulkanischenInnern an der Erdrinde weiter, welche frühere geologische Revolutionen ver-ursacht und eine Reihe von Lebensformen nach der anderen begraben haben.Sie werden wohl eher den jüngsten Tag des Menschengeschlechts herbeiführen,als jene weit entlegenen kosmischen Veränderungen, die wir früher besprachen,und uns zwingen, vielleicht neuen vollkommeneren Lebensformen Platz zumachen, wie uns und unseren jetzt lebenden Mitgeschöpfen einst die Riesen-eidechsen und Mammuts Platz gemacht haben.
So hat uns der Faden, den diejenigen, welche dem Traume des Perpetuum mo-bile nachfolgten, in Dunkelheit angesponnen haben, zu einem allgemeinenGrundgesetz der Natur geführt, welches Lichtstrahlen in die fernen Nächte desAnfangs und des Endes der Geschichte des Weltalls aussendet. Auch unseremeigenen Geschlechte will es wohl ein langes, aber nicht ewiges Bestehen zu-lassen, es droht ihm mit einem Tage des Gerichts, dessen Eintrittszeit es glück-licherweise noch verhüllt. Wie der einzelne den Gedanken seines Todes er-tragen muß, muß es auch das Geschlecht, aber es hat vor anderen unterge-gangenen Lebensformen höhere sittliche Aufgaben voraus, deren Träger es istund mit deren Vollendung es seine Bestimmung erfüllt. (Hermann Helmholtz,Die künftige Temperatur unseres Planetensystems und das Weltende, 1854.)
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