hatten sie ihren Tadel, ihre Ungnade zu befürchten; sie war nicht frei von denUnzuverlässigkeiten ihres Geschlechtes: aber dagegen entfaltete sie auchwieder die liebenswürdige Aufmerksamkeit einer weiblichen Gebieterin; wiewenn sie einst bei einer Rede, die sie in der gelehrten Sprache vor den Gelehrtenvon Oxford hielt, als sie den Lordschatzmeister mit seinem lahmen Fuße da-stehen sah, plötzlich abbrach, ihm einen Stuhl bringen ließ und dann fort-fuhr; man sagte freilich, sie habe zugleich bemerken lassen wollen, daß keinZufall sie aus der Fassung bringen könne. Wie Harrington, der sie aus per-sönlichem Umgang kannte, sich ausdrückt: ihr Geist war zuweilen der Som-mermorgenluft zu vergleichen, wohltuend und erfrischend, sie gewann dannaller Herzen durch liebliche und bescheidene Rede. Aber in demselben Gradeabstoßend wurde sie in aufgeregten Zuständen, wenn sie in ihrem Zimmer aufund ab schritt, Zorn in jeder Miene, Wegwerfung in jedem Worte: man eilte,von ihr wegzukommen. Unter anderm lernt man sie aus dem Briefwechselmit dem König Jacob von Schottland kennen: wie spricht da jeder Satzeine mit der politischen vereinigte geistige und moralische Überlegenheit aus!Da ist kein überflüssiges Wort: alles ist Mark und Substanz; von Fürsorgeund eingehendem Ratschlag geht sie zu herbem Tadel und ernstester Warnungüber; sie ist gütig und scharf, wohlmeinend und rauh, aber fast noch mehrwegwerfend und rücksichtslos als milde. Nie hatte ein Fürst von seiner Würdeeine höhere Idee, von der Unabhängigkeit, die derselben nach menschlichenund göttlichen Gesetzen gebühre, von der Pflicht des Gehorsams, welche jedenUntertanen binde; sie ist stolz darauf, daß auf ihre Entschlüsse keine äußereRücksicht einwirke, am wenigsten Drohung oder Furcht; wenn sie sich ein-mal nach dem Frieden sehnt, so besteht sie darauf, daß es nicht aus Besorgnisvor dem Feinde geschehe, sondern bloß aus Abscheu vor dem Blutvergießen.Die Tätigkeit des Lebens entwickelt nicht allein die intellektuellen Kräfte:zwischen Gelingen und Mißlingen, in Streit, Anstrengung und Sieg bildet sichder Charakter und nimmt seine vorherrschende Stimmung an. Das Unge-heure, das ihr gelungen ist, erfüllt sie mit einem unendlichen Selbstgefühl,das zugleich von Zuversicht auf den unfehlbaren Schutz der Vorsehung ge-tragen wird: daß sie, von dem Papst exkommuniziert, den Angriffen einerhalben Welt gegenüber sich behauptet, gibt ihrem ganzen Tun und Wesenden verdoppelten Ausdruck persönlicher Energie. Sie liebte nicht, von ihremVater oder von ihrer Mutter zu sprechen, von ihrem Nachfolger wollte sienicht reden hören; die Lage des Moments, das unbedingte Gefühl der Herr-schaft erfüllte den Gesichtskreis. Merkwürdig, wie sie an festlichen Tagen inihrem Palast einherschreitet: voran Magnaten und Ritter in ihrer Ordens-tracht, mit entblößtem Haupt, dann die Träger der Insignien der Herrschaft,des Zepters, des Schwertes und des großen Siegels: sie selbst in ihrem mitPerlen und Edelsteinen übersäten Schmuck, hinter ihr ihre Damen, die durchSchönheit und reiche Ausstattung glänzten: einem oder dem andern, der ihrvorgestellt wurde, reichte sie im Vorbeigehen ihre Hand zum Kuß zum Zei-chen ihrer Gnade, bis sie bei ihrer Kapelle ankommt, wo ihr die versammelteMenge ein ,,God save the Queen" zuruft, sie erwidert Worte herablassendenDankes. Elisabeth genoß noch einmal ungebrochen die ganze Verehrung,
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