2. HUMANISMUS UND RENAISSANCE
DIE WENDEZEIT
Wir befinden uns auf dem Punkte, wo die Scheidung der älteren und neuerenZeit immer bedeutender wird. Ein gewisser Bezug aufs Altertum geht nochimmer ununterbrochen und mächtig fort; doch finden wir von nun an mehrereMenschen, die sich auf ihre eignen Kräfte verlassen.
Man sagt von dem menschlichen Herzen, es sei ein trotzig und verzagtes We-sen. Von dem menschlichen Geist darf man wohl Ähnliches prädizieren.Er ist ungeduldig und anmaßlich und zugleich unsicher und zaghaft. Erstrebt nach Erfahrung und in ihr nach einer erweiterten reinem Tätigkeit,und dann bebt er wieder davor zurück, und zwar nicht mit Unrecht. Wie ervorschreitet, fühlt er immer mehr, wie er bedingt sei, daß er verlieren müsse,indem er gewinnt: denn ans Wahre wie ans Falsche sind notwendige Be-dingungen des Daseins gebunden.
Daher wehrt man sich im Wissenschaftlichen solange als nur möglich fürdas Hergebrachte, und es entstehen heftige langwierige Streitigkeiten, theo-retische sowohl als praktische Retardationen. Hiervon geben uns das fünf-zehnte und sechzehnte Jahrhundert die lebhaftesten Beispiele. Die Weltist kaum durch die Entdeckung neuer Länder unmäßig in die Länge aus-gedehnt, so muß sie sich schon in sich selbst als rund abschließen. Kaumdeutet die Magnetnadel nach entschiedenen Weltgegenden, so beobachtetman, daß sie sich ebenso entschieden zur Erde nieder neigt.Im Sittlichen gehen ähnliche große Wirkungen und Gegenwirkungen vor.Das Schießpulver ist kaum erfunden, so verliert sich die persönliche Tapfer-keit aus der Welt oder nimmt wenigstens eine andere Richtung. Das tüch-tige Vertrauen auf seine Faust und Gott löst sich auf in die blindeste Ergebenheitunter ein unausweichlich bestimmendes, unwiderruflich gebietendes Schicksal.Kaum wird durch Buchdruckerei Kultur allgemeiner verbreitet, so macht sichschon die Zensur nötig, um dasjenige einzuengen, was bisher in einem natür-lich beschränkten Kreise frei gewesen war.
Doch unter allen Entdeckungen und Überzeugungen möchte nichts einegrößere Wirkung auf den menschlichen Geist hervorgebracht haben, als dieLehre des Copernikus. Kaum war die Welt als rund anerkannt und in sichselbst fest abgeschlossen, so sollte sie auf das ungeheure Vorrecht Verzichttun, der Mittelpunkt des Weltalls zu sein. Vielleicht ist noch nie eine größereForderung an die Menschheit geschehen: denn was ging nicht alles durchdiese Anerkennung in Dunst und Rauch auf: ein zweites Paradies, eine Weltder Unschuld, Dichtkunst und Frömmigkeit, das Zeugnis der Sinne, die Über-zeugung eines poetisch-religiösen Glaubens; kein Wunder, daß man dies allesnicht wollte fahren lassen, daß man sich auf alle Weise einer solchen Lehreentgegensetzte, die denjenigen, der sie annahm, zu einer bisher unbekannten,ja ungeahneten Denkfreiheit und Großheit der Gesinnungen berechtigte undaufforderte. (Goethe, Zur Farbenlehre, 1810.)
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