3. GEISTES- UND NATURWISSENSCHAFT
DIE DEUTSCHE SPRACHWISSENSCHAFT
Nachdem die großen Dichter vor dem ganzen Volk mit immer steigendemErfolg, was deutsche Sprachgewalt sei und meine, bewährt hatten und durchfeindliche Unterjochung in den wehevollen Anfängen dieses Jahrhundertsallen Gemütern eingeprägt war, an diesem Kleinod unserer Sprache stolzerfestzuhalten, fand sich das Bewußtsein eines auch in ihr seit frühester Zeitwaltenden Grundgesetzes so erleichtert, daß es nichts als der einfachsten Mittelbedurfte, um es auf einmal zur Anschauung zu bringen. Diese willfährig auf-genommene Erkenntnis traf aber glücklicherweise zusammen mit einer vomSanskrit her erregten vergleichenden Sprachwissenschaft, welche keiner sienah oder fern berührenden Spracheigentümlichkeit aus dem Wege gehendvor allen andern auch der einheimischen das gebührende Recht widerfahrenzu lassen geneigt sein mußte, in welcher noch mehr als eine Seite zu den volle-ren Klängen jener ehrwürdigen Sprachmutter anschlug. So hat sich untermancherlei Gunst und Abgunst allmählich eine deutsche Philologie in bedeu-tenderem Umfang als je vorher gebildet, deren selbständige Ergebnisse viel-fache Frucht tragen, unabhängigen Wert behaupten und fortdauernde Teil-nahme in Anspruch nehmen können. Früherhin ließ alles und jedes, wasvon den Denkmälern unseres Altertums mühsam gedruckt erschienen war,in ein paar Folianten und Quartanten sich beisammen haben; jetzt stehen inden Bibliotheken ganze Gefache von altdeutschen Büchern erfüllt, und dieVerleger zagen nicht mehr vor dieser Literatur, wie viel noch übrigbleibe zutun, ein rühmlicher Eifer regt sich, alle Lücken zu ergänzen und ungenügendedurch bessere Ausgaben zu verdrängen. Nicht länger verschlossen liegen dieQuellen unserer Sprache, und ihre Ströme und Bäche dürfen oft bis auf dieStelle zurückgeführt werden, wo sie zum erstenmal vorgebrochen sind;fortan aber kann eine deutsche Grammatik, ein deutsches Wörterbuch, diesich dieser Forschungen und aller daraus erwachsenen Fordernisse entäußern,Weder gelten, noch irgend ersprießlichen Dienst leisten.
Von an der Oberfläche klebenden, nicht tiefer eingehenden Arbeiten beginntheutzutage auch die ernstere Stimmung des Volks sich loszusagen. Auf-gelegt zum Betrieb der Naturwissenschaften, die den Verstand beschäftigenu nd mit einfachen Mitteln, wenn sie recht verwendet werden, das Nützlichsteausrichten, wird ihm auch sonst das unnütze Schlechte verleidet; wozu ihmUoch immer Handbücher und Auszüge unseres gewaltigen Sprachhortes undalten Erbes vorlegen? die statt dafür einnehmen, davon ableiten und nichtsals schalen Absud seiner Kraft und Fülle bieten, aus dem keine Nahrung undSättigung zu gewinnen steht, als sei der unmittelbare Zutritt verschlagen unddie eigne Anschau verdeckt. Seit den Befreiungskriegen ist in allen edlenSchichten der Nation anhaltende und vergehende Sehnsucht entsprungenn ach den Gütern, die Deutschland einigen und nicht trennen, die uns allein" e n Stempel voller Eigenheit aufzudrücken und zu wahren imstande sind.
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