2. DAS REICH
DIE LETZTE KAISERLICHE ROMFAHRT
Die allerletzte kaiserliche Romfahrt, welche die Geschichte sah, erweckt Er-innerungen an eine von furchtbaren Leiden erfüllte, aber doch große Vergangen-heit, in welcher die deutschen Kaiser Italien mit Kriegen verheert, aber auchdie Alleingewalt der Päpste bestritten und oftmals die wichtigsten Angelegen-heiten der christlichen Republik entschieden hatten. Diese Zeiten waren schonin die Mythe hinabgesunken. Die Kaisergewalt war nur noch ein völker-rechtlicher Titel ohne Kraft, die Papstgewalt zwar noch mächtiger als jene,dennoch ihrer alten Wirkung in das große Ganze der Menschheit schon beraubt.Ein neues Europa erhob sich, sich gründend auf großen nach Einheit streben-den Ländermassen und Monarchien. Nun zeigte die Romfahrt Friedrichs III.noch deutlicher als die Sigismunds, daß jenes katholische Kaisertum, dasIdeal des Mittelalters, eine Antiquität geworden war, ein Gegenstand fürSchauspieler welthistorischen Stils und für akademische Reden humanisti-scher Kunst. Wenn bei diesem Romzuge die Städte Italiens und selbst derPapst noch in Aufregung gerieten, so war auch dies kaum mehr als Erinne-rung. Dem römischen Könige diente übrigens seine Krönungsreise zugleichals einträgliches Finanzgeschäft. Er konnte sich mit den Geschenken Italiensbereichern und dort Tausende von Gnadenbriefen ausstreuen, welche Eitel-keit erkaufte. Er errötete nicht, sich Geleitsbriefe von den Städten zu er-bitten, und auch der Papst stellte ihm einen guten Reisepaß aus.Die Reichsstände hatten Friedrich iooo Reiter bewilligt, und etwa ebensovielestießen unterwegs zu ihm. Sein Bruder, der Herzog Albrecht, einige deutscheBischöfe und viele edle Herren begleiteten ihn, nebst dem zwölfjährigen KönigLadislaus; denn diesen nachgeborenen Sohn Albrechts IL, den Erben vonBöhmen, Ungarn und Österreich, führte er mit sich, um ihn aus jenen Erb-ländern zu entfernen, wo die Landstände Friedrichs Vormundschaft bestritten-Am Ende des Jahres 1451 kam er nach Treviso. Er verzichtete darauf, dieeiserne Krone in Mailand zu nehmen, dessen Gebiet er nicht berührte; denndort herrschte ein vom Reich nicht anerkannter Usurpator. Am Po empfingder glückliche Borso von Este das Phantom des Kaisertums auf seinen Knien,übergab ihm alle seine Lande und führte ihn im Triumphgepränge in dasschöne Ferrara. Dorthin kam auch Ludovico Gonzaga von Mantua und Sf orzaskleiner Sohn Galeazzo Maria, welchen der Vater voll Artigkeit zur Begrüßungdes römischen Königs abgeschickt hatte. In Bologna holte diesen der Kardinal-legat Bessarion ein. Man feierte den Kaiser überall mit hohen Ehren und hieltihn kostenfrei. Die Florentiner hatte er höflich um die Erlaubnis seines Be-suchs gebeten, und sie erflehten denselben noch höflicher als eine Gnade-Kniend überreichte ihm die Signorie die Schlüssel der edlen Stadt, und überallsah man das Volk, selbst Frauen, ehrfurchtsvoll niederknien. Mit solchemKultus ehrte noch Italien das Schattenbild des lateinischen Kaisertums, sodaß sich dieser machtlose Habsburger, wenn er Sitte für Wirklichkeit nahm,für ein vergöttertes Wesen hätte halten können. Die Kardinäle Calandrim
272