2. KÜNSTLERISCHE UND DICHTERISCHEWIEDERGEBURT
BEGINNENDER KAMPF DER DICHTER UM DEN VOLKSBODEN
Eine großartige deutsche Literatur konnte unmöglich werden, da alle Grund-lagen eines festen Lebens und eines hochwollenden, hochstrahlenden und hoch-gebietenden Volkes fehlten. Wem fällt hier nicht Klopstock ein, der edle undreine deutsche Mann, und wieviel er gezündet hat und zünden wollte? Unddoch, wie stand er oft so ganz allein, ein tragisches Zeichen in einer mittel-mäßigen Zeit, eine Hieroglyphe, die so wenige zu deuten verstanden! Undmangelten nicht grade jene ersten Herrlichen von 1740—70, welche auf-räumten und auskehrten und auf etwas Edleres und Eigeneres hinwiesen, fastalles Mittelpunkts des Lebens und oft alles Verständnisses der Zeit, die erstspät teilnahm, und mußten sie nicht fast alle zugleich Wasser und Strom sein,da ihnen das Volk fehlte? Es war kaum möglich, daß bei so schweren Ver-hältnissen ein freudiges Dasein in Kunst und Dichtkunst und Lust und Freudeder Sprache sich entwickeln konnte. Das war aber in jener Zeit das Traurigste,daß selbst diejenigen Männer, die sich mit Glück der Kunst weiheten, die Ge-schichte der Vergangenheit fast ganz verloren hatten, daß wenige davon etwaswußten, daß jemals schon eine deutsche Herrlichkeit in Sprache und Dicht-kunst gewesen war. So suchte denn jeder in einer gestaltlosen, liebeleeren undruhmleeren Zeit nach dem Bilde, das er sich von deutschem Streben umd deut-scher Kunst gemacht hatte, sein bestes Gemüt in seinen Werken abzuprägen;aber des Bildes entbehrten alle, wodurch sie eine feste, würdige Gestalt, einvolles Leben und ein Gepräge für die Unsterblichkeit hätten gewinnen können,des Bildes eines Volkes. — Wie edel die Männer rangen, mag man wohl ambesten in dem Schmerze würdigen, der sie überfallen mußte, wann sie inne-wurden, wo das tiefe Übel lag, das sich durch die Länge der Zeit allen mit-geteilt hatte. Darum soll Klopstocks großes Herz, und was der herrliche Manngewollt hat, und was er in solcher Zeit geleistet hat, nie ein Deutscher ver-gessen, noch auch wessen soviele andere wackere Männer, wenn sie auch fernv om Ziel geblieben, würdig beflissen waren. Wir können uns die Schwierig-keiten jetzt kaum vorstellen, womit die zu kämpfen hatten, welche in denJahren 1730 und 1740 gleichsam von vorn anfangen mußten — und in welcher2eit? Wir schienen denn damals wieder eine Literatur zu bekommen, aberJetzt dürfen wir wohl sagen: es war keine ganz deutsche. Das meiste, wasJene Zeit erstrebt und erwirkt hat, muß notwendig in dem Strom der Zeitü ntergehen, weil es keinem bestimmten Volke und keiner bestimmten Zeita 's eine natürliche und notwendige Lebensblüte anzugehören scheint. Später,a *s jene ersten Helden den Weg wieder vom fremden Schutt und Schmutzgereinigt hatten, hat Goethe sich auf eine einzige Art durchgebrochen, er undSc hiller und Herder und noch einige haben wieder eine deutsche Sehnsuchterre gt, und ein junges, frisches, titanisches Geschlecht hat die letzten dreiJahrzehnte nach den verschiedensten Richtungen hin gestrebt und gewirkt,
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