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3 (1926) Die Neuzeit im deutschen Bereich
Entstehung
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2. PIETISMUS UND TOLERANZ

NEUE ANSPRÜCHE INNERER RELIGIOSITÄT

Es ging damals beinahe durch das ganze zivilisierte Europa eine gewaltigeund eigentümliche Erregung religiöser Natur. Die vielen und langen Glau-benskriege und die gegenseitigen Verfolgungen kirchlicher Parteien mit allden Greueln, die sie in ihrem Gefolge hatten und die des heiligen Namens derReligion zu spotten schienen, welchen sie angeblich verherrlichen solltenhatten in zahlreichen Gemütern jene Anhänglichkeit an ein bestimmtes kirch-liches Bekenntnis ertötet und den Wunsch nach einer Gottesverehrung er-weckt, welche weder mit den Spitzfindigkeiten theologischer Zänkereien,noch mit der Beengtheit kirchlicher Formen etwas zu tun hätte. Das religiöseGefühl, unbefriedigt durch die dürre Buchstabengläubigkeit der herrschendenOrthodoxie, zog sich in sich selbst zurück und suchte in den lebendigen Offen-barungen des eigenen Gewissens oder der von Gott erleuchteten Vernunftdie Befriedigung seiner Sehnsucht nach dem Göttlichen, die es weder in denDogmen noch in den Gebräuchen der bestehenden Kirchen zu finden glaubte.Die heftigen Erschütterungen und die ungeheuren Wechselfälle, denen dieSchicksale der einzelnen und ganzer Nationen in der damaligen Zeit wieder-holt ausgesetzt waren, machten die Gemüter empfänglich für den Glauben anein unmittelbares Eingreifen überirdischer, ebensowohl dämonischer alsgöttlicher Kräfte in den Gang der Menschengeschichte und gaben dem Hangenach dem Wunderbaren und Ahnungsvollen, nach mystischer Vertiefung indie Geheimnisse der Natur und nach magischem Verkehr mit Wesen einer andernWelt, immer neue Nahrung.

So zieht sich durch das ganze 17. Jahrhundert hindurch und hier und da selbstnoch ins 18. herein eine lange Kette von Erscheinungen sogenannter Mystiker,Schwärmer, Verzückter, Enthusiasten, Chiliasten (oder mit welchen Namensonst die herrschende kirchliche Partei diese Verächter ihres Ansehens be-legen mochte) Personen zum Teil von wissenschaftlicher Bildung oder dochvon ungewöhnlicher Naturbegabung, zum Teil auch einem bloßen dunklenDrange innerer Empfindung folgend, die einen ruhig, gemessen, edel undvon wahrhaft praktischer Frömmigkeit, andere wildfanatisch, leidenschaft-lich, ebenso über die bürgerliche Sitte wie über die kirchliche Autorität sichhinwegsetzend und in ihrem moralischen Verhalten, da sie auch hier nurder Leitung ihres inneren Triebes folgten, bisweilen von sehr zweideutigemCharakter.

Fast alle Länder und alle kirchlichen Bekenntnisse haben zu dieser zahlreichenund bunten Genossenschaft ihr Kontingent gestellt: Das hochkirchliche Eng-land seinen R. Fludd, seine Levellers, später seine Quakers und Shakers,das katholische Frankreich seine Labadisten, seine Bourignon und, in höheremStile, Poiret; das kalvinistische Holland seine A. Schumann, das lutherischeDeutschland endlich seinen Jakob Böhm und seinen Valentin Weigel, seinerosenkreuzerischen Geheimbünde, seine Kuhlmann, Hoburg, Gichtel und vieleandere mehr.

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