DIE BILDUNG BIS ZUR AUFKLARUNG
I. WELTLICHE KUNST UND WISSENSCHAFT
LÖSUNG DER KUNST VON DER KIRCHE
Es hat wenig daran gefehlt, daß die Reformation in ganz Deutschland gesiegtund der deutschen Gesamtkirche die Gestalt gegeben hätte. Welches alsdanndie Stellung der Kunst in dieser geworden wäre, läßt sich nicht berechnen.Die Auswirkung der Reformation nach der verneinenden Seite hin beginnt da,wo sie genötigt wurde, eine Sonderkirche zu bilden. Das Ende der künstleri-schen Blütezeit fällt mit diesem Moment zusammen. Was die Glaubens-bewegung der Kunst an positivem Gehalt gegeben hat, liegt in den voran-gehenden Jahrzehnten. Man begreift, daß das religiöse Leben vorher, da esnoch im Zustande wogender Ahnung und Sehnsucht sich befand, gern in einerGleichnissprache redete, wie die Kunst eine ist; war aber das religiöse Er-lebnis zur Bekenntnisformel erstarrt und ans unantastbare Wort gebunden,dann hatte die Kunst hier nichts mehr zu sagen. Das eine ist Kunst der Re-formation, das andere Kunst des Protestantismus. In den Jahren der werden-den Reformation standen Kunst und Religion in lebendigstem Ineinander-wirken, und nur aus der Totalität des Lebens sind sie, die eine wie die andere,zu begreifen. Luther und Dürer gehören notwendig zueinander, kein Würfel-spiel des Zufalls hat sie zu Zeitgenossen gemacht.
Im Spiegel der Kunst haben wir die fortschreitende Individualisierung dermittelalterlichen Gesellschaft deutlich beobachten können. Nun tat sie ihrengrößten Schritt, indem sie auf das Gebiet der Religion übergriff und als höchstesRecht des einzelnen Menschen es in Anspruch nahm, auf seinem eigenenWege und durch seine eigene Arbeit sein Verhältnis zu Gott sich zu bilden.Eine Kirche im Sinne des Mittelalters konnte dabei nicht länger bestehen,und die ganze, ungeheuer große Aufgabe, welche diese Kirche bisher der Kunstgestellt hatte, war hinfällig geworden. In dem tragischen Konflikt zwischenReligion und Kirche wurde die Kunst zerrieben. Die Kunst war nun wohl""ei- Aber zugleich war ihr der mächtige Unterbau, den sie im metaphysischenSystem und der regimentalen Ordnung der mittelalterlichen Kirche besessennatte, entzogen. Noch war eine religiöse Kunst möglich, aber nur als eine in-dividuelle und subjektive. Die Tendenz dazu war offenbar schon vor demAuftreten Luthers vorhanden. Wir haben als Vorboten der Lösung von derKl rche das Versiegen der kirchlichen Baukunst bemerkt. Nun trat auch inden darstellenden Gattungen das unmittelbar dem Kirchendienst gewidmeteö Ud zurück hinter der freien, außerkirchlichen Darstellung religiöser Stoffe,u nd neben beiden gewannen die weltlichen Gegenstände von Jahr zu Jahr^ehr Raum. Wie klein ist doch in der Produktion Albrecht Dürers die Zahler Altarbilder! Die Fülle und Wahrheit seines persönlich-religiösen Lebensst römt in seinem graphischen Werk aus und zuletzt in seinem Apostelbilde,
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