3. HISTORISCHES CHRISTENTUM
DER GESCHICHTLICHE JESUS MIT SEINEN JÜNGERN
Die Schüler, die Christus zu seinem Geschäft wählte, waren Männer; derjüngste unter ihnen wahrscheinlich Johannes. Nicht nur lag dieses in denSitten der Zeit, da kein Rabbi und vor alters kein Prophet Unmündige zuSchülern der Weisheit annahm; sondern das Geschäft Christi selbst forderteLehrlinge, die bald Lehrer, Mithelfer, ja gar Stellvertreter ihres Lehrers seinkönnten: denn lange mochte, wie Christus es selbst wußte und bald sagte,sein Lauf auf Erden nicht dauern. Das Verhältnis, in dem er mit diesen seinenerwählten Freunden lebte, war mehr Sozietät als Schule, offenbar unterschiedsich hierin Christus nicht nur von der Rabbinen, sondern selbst von Johannes'Schule. Johannes' Schule war dem Charakter des Lehrers zufolge ein strengesInstitut; daher sie mit den Pharisäern den Jüngern Jesu Vorwürfe machte,warum diese nicht fasteten und sauer sähen, wie sie. Jesus antwortete imScherz und verglich seine fröhlichen Begleiter mit Hochzeitleuten, die wohl solange fröhlich sein könnten, als die Hochzeit währte. Die Zeit des Fastens undTrauerns werde sich auch schon finden. Wie mit Freunden ging Jesus mitseinen Jüngern um, ohne Stolz, ohne pedantische Frömmigkeit, ohne heuch-lerische Absonderung. Was nicht verboten werden durfte, verbot er nichtund antwortete auf die Vorwürfe, die ihm deshalb gemacht wurden, meistensmit Salz oder in treffendem Scherz. So zum Beispiel über das, was zum Mundeein- und ausgehet; so über den Menschen, der ja doch besser als ein Schafsei, und so fort, welche Antworten er den Jüngern oft erst erklären mußte.Wie treu er mit ihnen umging, zeigte die Geduld, mit der er ihre Fehler trug,die Langmut, mit der er ihre oft kindischen Fragen beantwortete, die Mühe,die er sich gab, den Stolz dieses, die Unachtsamkeit jenes, die törichten Er-wartungen anderer ernst und gelinde zu bessern; endlich sein Abschied, indem er ihnen ganz sein Herz enthüllte und ihnen mit dem Plan seines Reichsihr eignes Schicksal aufschloß. Wie betrug er sich gegen seinen Verräter!und welch ein Zeugnis für ihn ist das Wort dieses rohen Menschen, als er dasGeld hinwarf: „Es reuet mich, daß ich unschuldig Blut verraten habe", undsich davonmachte und erhing. — Wie bald Jesus die Herzen gewann und dieverschiedensten Menschen oft in einer einzigen Unterredung sich eigen machte,zeigt seine ganze Geschichte. Vorzüglich zeigt es das Betragen seiner Freundeund Feinde bei seinem Ausgange aus der Welt; daher jenes Zeugnis, das mandem Josephus zuschreibt, es nicht unrecht als einen Charakterzug Christibemerkt, daß er seinen Freunden eine unzerstörliche Liebe eingeflößt habe:„auch nachdem er gekreuzigt war, ließen die nicht ab, ihn zu lieben, die ihneinmal geliebt hatten." Die Schriften der Apostel und die Gesinnungen,die sie ihren Schülern, zum Beispiel Ignatius, Polykarpus, von ihm einflößten,bezeugen dies genugsam. Als eine Sozietät brüderlicher Liebe und Eintrachtbei reinen Sitten und einer heitern Denkart sollte sich das Christentum aufrechterhalten und fortpflanzen; als eine Sozietät solcher Sitten und Denkart, nicht
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