DIE BILDUNG SEIT DER AUFKLÄRUNG
i. AUFKLARUNG UND PHILOSOPHIE
FEINDSCHAFT DER AUFKLÄRUNG GEGEN RELIGIONUND DICHTUNG
Die Reformation war ein Zeichen der Zeit gewesen. Die guten Köpfe allerNationen waren heimlich mündig geworden und lehnten sich im täuschendenGefühl ihres Berufs um so dreister gegen verjährten Zwang auf.Aus Instinkt ist der Gelehrte Feind der Geistlichkeit nach alter Verfassung;der gelehrte und der geistliche Stand müssen Vertilgungskriege führen, wennsie getrennt sind; denn sie streiten um Eine Stelle. Diese Trennung tat sichimmer hervor, und die Gelehrten gewannen desto mehr Feld, je mehr sichdie Geschichte der europäischen Menschheit dem Zeiträume der triumphieren-den Gelehrsamkeit näherte und Wissen und Glauben in eine entschiedenereOpposition traten. Im Glauben suchte man den Grund der allgemeinen Stockung,und durch das durchdringende Wissen hoffte man sie zu heben. Überalllitt der heilige Sinn unter den mannigfachen Verfolgungen seiner bisherigenArt, seiner zeitigen Personalität. Das Resultat der modernen Denkungsartnannte man Philosophie und rechnete alles dazu, was dem Alten entgegenwar, vorzüglich also jeden Einfall gegen die Religion. Der anfängliche Per-sonalhaß gegen den katholischen Glauben ging allmählich in Haß gegen dieBibel, gegen den christlichen Glauben und endlich gar gegen die Religionüber. Noch mehr, der Religionshaß dehnte sich sehr natürlich und folgerechtauf alle Gegenstände des Enthusiasmus aus, verketzerte Phantasie und Ge-fühl, Sittlichkeit und Kunstliebe, Zukunft und Vorzeit, setzte den Menschenin der Reihe der Naturwesen mit Not obenan und machte die unendlicheschöpferische Musik des Weltalls zum einförmigen Klappern einer ungeheurenMühle, die vom Strom des Zufalls getrieben und auf ihm schwimmend, eineMühle an sich, ohne Baumeister und Müller und eigentlich ein echtes per-Petuum mobile, eine sich selbst mahlende Mühle sei.
Ein Enthusiasmus ward großmütig dem armen Menschengeschlecht übrig-gelassen und als Prüfstein der höchsten Bildung jedem Aktionär derselbenUnentbehrlich gemacht, der Enthusiasmus für diese herrliche, großartigePhilosophie und insbesondere für ihre Priester und Mystagogen. Frank-reich war so glücklich, der Schoß und Sitz dieses neuen Glaubens zu werden,der aus lauter Wissen zusammengeklebt war. So verschrien die Poesie indieser neuen Kirche war, so gab es doch einige Poeten darunter, die des EffektsWegen noch des alten Schmucks und des alten Lichts sich bedienten, aber da-bei in Gefahr kamen, das neue Weltsystem mit altem Feuer zu entzünden.Klügere Mitglieder wußten jedoch die schon warmgewordenen Zuhörer so-gleich wieder mit kaltem Wasser zu begießen. Die Mitglieder waren rastlos
»* Wolters, Der Deutsche. 111,2.