DEUTSCHLAND UND DIE GROSSEN MACHTE
PARIS • MOSKAU • LONDON
Uns im Westen sind nämlich die Franzosen zu einem runden, stammhaften,mächtigen Volk erwachsen, das ein halbes Jahrhundert hindurch Vieles undGroßes erfahren, und wie es schon ehmals, nicht wie wir, in abwechselndenAnwandlungen von Verstand und Unverstand, alle in jenem gemachten Er-fahrungen immer in dem andern wieder vergeudet, sondern durch den Laufder Zeiten hindurch sie immer in einer Kette zusammengefaßt, so hat es dennauch alle Erlebnisse in dieser Schule festgehalten und fühlt sich berufen, inder Mitte der Geschichte zu stehen. Auf unserem Boden, auf dem Boden desalten Reiches, vom Mittelmeer aus längs den Alpen und dem Rheine bis wiederzum Meere hin, hat es seine Wehre in einer höchst verständig kalkuliertenWeise uns gegenüber aufgebaut. Eines fehlte noch: diesem Wehrsystem einein gleicher Weise bewehrte Mitte hinzuzufügen, um es vollends unangreifbarfür uns zu machen. Paris, die Souveränin Frankreichs, die die Capetinger er-hoben, die die Revolution gemacht und immer mit richtigem Instinkte zu ihremVorteile sie gelenkt, die Napoleon sich erheben und stürzen gesehen, die dieRestauration sich gefallen lassen und die Restaurierten wieder ausgetrieben,die auch jetzt wieder in ihrem Mittelstande herrscht, sie hat in der Begeiste-rung das Panzerhemd sich anlegen lassen und wird bald in ihrer Mauerkroneals die Königin in Mitte aller ihrer Waffenplätze stehen. Wie sie längst unterden Handelsstädten als Gebieterin ihrer Hansa, in Mitte aller Gubernial-städte als die Metropole, in Mitte aller Intelligenzen als die Zentralburg undhohe Schule gestanden, so wird die Herrin durch Telegraphen und Eisenwegeund Kanäle mit ihren Vorstädten und zugewandten Orten sich in Verkehr zusetzen wissen, daß ihr Beschluß, gleichzeitig überall verkündet, überall mitgleicher Schnellkraft zum Vollzuge kommt. Zieht nun hin mit Heeresmacht,zum anderen Male sie zu demütigen und zu bezwingen, sie werden mit einemNetze euch umziehen, dem ihr schwer entrinnt. Sie aber ihrerseits, nochnicht einmal in voller Fassung, lassen jeden dritten Monat von offener Bühneeuch verkünden: der Rhein sei ihr gebührend Teil, im Guten oder Bösen müsse,mögt ihr wollen oder nicht wollen, dies ihr gebührend Los ihnen zuteil werden.Wer wird sie hindern, sind wir wie bisher zueinander gestellt, teilen wir unsin Unterdrücker von Rechtswegen und in Unterdrücker de jure, Patriotismusund nationeile Brüderschaft wird nicht schützen gegen die Kommenden,weil Unrecht vom Bruder geübt am tiefsten ergrimmt.
Im Osten hat ein anderer Koloß von Erde und Eis zu freundnachbarlicherUnterstützung sich euch aufgebaut. Ein Stamm, der in der Geschichte nurin teilweisen Ausbrüchen sich bemerkbar gemacht, hat sich nun zusammen-gefunden, und nach angestammter Art der Einheit ohne Vorbehalt sich unter-ordnend, dadurch eine Konzentration erlangt, die in der Herrschaft mechani-scher Kalküle entscheidend wirkt. Die Zeit hat den Weigernden mit Gewaltauf die Bühne hinausgezogen, er hat sich dort fühlen gelernt und glaubt
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