DIE RELIGIÖSEN BEWEGUNGEN
i. REFORMATION UND GEGENREFORMATION
GÄRUNG VOR DER REFORMATION
Schon zwei Menschenalter hindurch war die Reformation geistlich und welt-lich besprochen, versucht, verworfen, als Phrase, als Drohung gebraucht —jedem ein andrer Begriff; ein unbeschreibliches Etwas, das man hoffte und dochnicht zu erfassen verstand, das man fürchtete und doch kommen sah; von dem,was war und galt, ein winkendes, mahnendes, drohendes Gegenbild.Es war der Ausdruck der schwellenden Bewegung in den Gemütern. Überallin deutschen Landen war das Gefühl, daß große Umwandlungen nahe seien;je tiefer hinab, desto heftiger und wüster, suchte es vergeblich seine Erfüllung,sein Ziel.
Die Unerträglichkeit der Zustände nährte und steigerte es. Man mochte siemessen an der wachsenden Masse solcher, die dem seßhaften und arbeitsamenLeben Valet sagten und „vagirten". Her und hin schwirrte es von fahrendenSchülern, fahrenden Weibern, bettelnden Mönchen, dienstlosen Knechten,die dann gelegentlich mit den nicht minder vagabunden Junkern um die Wetteraubten und stahlen; in Landschaften, die der Krieg heimsuchte, wie Schlesien,schwanden in weiten Strecken die Dörfer, die ländliche Bevölkerung zerstobwie Flugsand. Wo sie auf der Scholle blieb, steigerte sich der Druck derGutsherrlichkeit fort und fort; wenn das Pfeiferhänslein, „der Mann Gottes",predigte, so strömten Tausende aus Franken und Schwaben herbei, zu hören:daß das Gottesreich nahe sei, wo es keinen Kaiser, Fürsten noch Junker,keinen Papst, Bischof noch Pfaffen mehr gebe, sondern jeder des andern Brudersei, Wald und Weide, Land und Wasser frei überall und allen gemein sei;als sie dann endlich mit Waffen hinauszogen, ein Bauernheer von 16 ooo Brü-dern, da ward der wilde Haufen mit List und Gewalt niedergebrochen, dieRädelsführer verbrannt.
Überall kochte es; mochten die einzelnen Vorgänge Verbrechen sein, allezusammen gaben sie Zeugnis, daß sich der Wein in dem alten morschenFasse rühre. (Johann Gustav Droysen, Geschichte der preußischen Politik,I855/I886.)
THEOLOGIA DEUTSCH
Die beiden Hauptbestimmungen, welche die deutsche Theologie aus dem Be-griff des Vollkommenen ableitet und von Gott aufstellt, sind, daß er das all-umfassende Wesen, und daß er das höchste Gut sei, und beide fallen wiederin eins zusammen, denn alles wahrhaft Seiende ist als solches gut, und allesGute ist wesentlich und wahrhaft seiend. Das Vollkommene ist nicht diesoder das, hie oder da, heute oder morgen, sondern es ist allwegen und allzeit,
I Wolters, Der Deutsche. III, I.