zuführen vermöchte. Und ist denn jede Bewegung eine Erhebung? Erhebtsich, wer gewaltsam aufgestöbert wird? Wir sprechen nicht von den Tausen-den gebildeter Jünglinge und Männer, wir sprechen von der Menge, denMillionen. Und was ist denn errungen oder gewonnen worden? Sie sagen:die Freiheit; vielleicht würden wir es aber Befreiung nennen; nämlich Be-freiung nicht vom Joche der Fremden, sondern von einem fremden Joche.Es ist wahr: Franzosen sehe ich nicht mehr und nicht mehr Italiener, dafüraber sehe ich Kosaken, Baschkiren, Kroaten, Magyaren, Kassuben, Sam-länder, braune und andere Husaren. Wir haben uns seit einer langen Zeitgewöhnt, unsern Blick nur nach Westen zu richten und alle Gefahr nur vondorther zu erwarten, aber die Erde dehnt sich auch noch weithin nach Morgenaus. Selbst wenn wir all das Volk vor unsern Augen sehen, fällt uns keineBesorgnis ein, und schöne Frauen haben Roß und Mann umarmt. LassenSie mich nicht mehr sagen. Sie zwar berufen sich auf die vortrefflichenProklamationen fremder Herren und einheimischer. Ja, ja! Ein Pferd, einPferd! Ein Königreich für ein Pferd!
Als ich auf dieses Wort etwas erwiderte, entstand ein Gespräch, in welchemGoethes Worte immer bestimmter, schärfer und, ich möchte sagen, individu-eller wurden. Aber ich trage Bedenken, niederzuschreiben, was gesprochenworden ist. Auch wüßte ich nicht, wozu es dienen sollte. Nur das eine willich bemerken, daß ich in dieser Stunde auf das innigste überzeugt wordenbin, daß diejenigen im ärgsten Irrtum sind, welche Goethe beschuldigen, erhabe keine Vaterlandsliebe gehabt, keine deutsche Gesinnung, keinen Glaubenan unser Volk, kein Gefühl für Deutschlands Ehre oder Schande, Glückoder Unglück. Sein Schweigen bei den großen Ereignissen und den wirrenVerhandlungen dieser Zeit war lediglich eine schmerzvolle Resignation, zuwelcher er sich in seiner Stellung und bei seiner genauen Kenntnis von denMenschen und von den Dingen wohl entschließen mußte. (Goethe im Ge-spräch mit Luden, 1813.)
ERHEBUNG UND NEUES VERSAGEN
Der titanische Stoß von Frevel und Stolz kam von Frankreich her: Napoleon,„der schlangenfüßige Titane", wie ihn Görres nannte, der die Revolutionenverschlang, alle dämonischen Kräfte des Menschen erweckte und in die Wageder Entscheidung warf, der den Sturm Alexanders, die Klugheit des Juliers,den Kaisertraum Karls und damit noch einmal alle heldischen Kräfte desMorgen- und Abendlandes vereinte und aufrief, diese unerbittlichste, männ-lichste Kraft stieß mit seinem Adlerschnabel dem „politischen Riesenfaul-tier" Deutschland in die offene rheinische Flanke und störte es auf.Damit zerrissen zunächst die letzten gemeinsamen Bänder der Rheinlandeselbst, zerriß die letzte Verknüpfung des ganzen Stromgebietes mit dem üb-rigen Vaterland. Die eiserne Faust des Korsen fegte viel morschen Plunderhinweg, sein sichtender Geist vereinfachte schnell das vielgespaltene Wirr-sal, und es konnte scheinen, als ob im Rheinbund, der außer Österreich, Preu-ßen und Braunschweig sämtliche deutschen Fürsten umfaßte, ein deutscher
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