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3 (1926) Die Neuzeit im deutschen Bereich
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hat ihre Taten gesehen, und das dankbare Vaterland bietet ihnen die wohl-verdienten Kränze. (Görres, Rheinischer Merkur, 1814.)

HÖHERE POLITISCHE EINSICHT GOETHES

Glauben Sie ja nicht, daß ich gleichgültig wäre gegen die großen IdeenFreiheit, Volk, Vaterland. Nein, diese Ideen sind in uns, sie sind ein Teilunsers Wesens, und niemand vermag sie von sich zu werfen. Auch liegt mirDeutschland warm am Herzen. Ich habe oft einen bittern Schmerz emp-funden bei dem Gedanken an das deutsche Volk, das so achtbar im einzelnenund so miserabel im ganzen ist. Eine Vergleichung des deutschen Volkes mitandern Völkern erregt uns peinliche Gefühle, über welche ich auf jeglicheWeise hinwegzukommen suche; und in der Wissenschaft und in der Kunsthabe ich die Schwingen gefunden, durch welche man sich darüber hinweg-zuheben vermag: denn Wissenschaft und Kunst gehören der Welt an, undvor ihnen verschwinden die Schranken der Nationalität. Aber der Trost, densie gewähren, ist doch nur ein leidiger Trost und ersetzt das stolze Bewußt-sein nicht, einem großen, starken, geachteten und gefürchteten Volke an-zugehören. In dsrselben Weise tröstet auch nur der Gedanke an Deutsch-lands Zukunft. Ich halte ihn so fest als Sie, diesen Glauben. Ja, das deutscheVolk verspricht eineZukunft, hat eineZukunft. Das Schicksal der Deutschen ist,mit Napoleon zu reden, noch nicht erfüllt. Hätten Sie keine andere Aufgabezu erfüllen gehabt, als das Römische Reich zu zerbrechen und eine neue Weltzu schaffen und zu ordnen, sie würden längst zugrunde gegangen sein. Dasie aber fortbestanden sind und in solcher Kraft und Tüchtigkeit, so müssensie nach meinem Glauben noch eine große Zukunft haben, eine Bestimmung,welche um so viel größer sein wird, denn jenes gewaltige Werk der Zerstörungdes Römischen Reiches und der Gestaltung des Mittelalters, als ihre Bildungjetzt höher steht. Aber die Zeit, die Gelegenheit, vermag ein menschlichesAuge nicht vorauszusehen und menschliche Kraft nicht zu beschleunigen oderherbeizuführen. Uns einzelnen bleibt inzwischen nur übrig, einem jedennach seinen Talenten, seiner Neigung und seiner Stellung, die Bildung desVolkes zu mehren, zu stärken und durch dasselbe zu verbreiten nach allenSeiten und wie nach unten, so auch und vorzugsweise nach oben, damit esnicht zurückbleibe hinter den andern Völkern, sondern wenigstens hierinvoraufstehe, damit der Geist nicht verkümmere, sondern frisch und heiterbleibe, damit es nicht verzage, nicht kleinmütig werde, sondern fähig bleibezu jeglicher großen Tat, wenn der Tag des Ruhmes anbricht. Sie sprechenvon dem Erwachen, von der Erhebung des deutschen Volks und meinen,dieses Volk werde sich nicht wieder entreißen lassen, was es errungen undmit Gut und Blut teuer erkauft hat, nämlich die Freiheit. Ist denn wirklichdas Volk erwacht? Weiß es, was es will? Haben Sie das prächtige Wortvergessen, was der ehrliche Philister in Jena seinem Nachbar in seiner Freudezurief, als er seine Stuben gescheuert sah und nun nach dem Abzüge derFranzosen die Russen bequemlich empfangen konnte? Der Schlaf ist zu tiefgewesen, als daß auch die stärkste Rüttelung so schnell zur Besinnung zurück-

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