Maler Hackert wurde mitten in Sizilien bei der Durchreise durch eine kleineStadt von dem Magistrat ein Ehrengeschenk von Wein und Früchten über-reicht, weil sie gehört hätten, daß er ein Preuße sei, ein Untertan des großenKönigs, dem sie dadurch ihre Ehrfurcht erweisen wollten. Und Muley Ismael,Kaiser von Marokko, ließ die Schiffsmannschaft eines Bürgers von Emden,die die Barbaresken nach Mogador geschleppt, ohne Lösung frei, schickte dieMannschaft neugekleidet nach Lissabon und gab ihnen die Versicherung: ihrKönig sei der größte Mann der Welt, kein Preuße solle in seinen Ländern Ge-fangener sein, seine Kreuzer würden nie die preußische Flagge angreifen.Wie lange war es doch her, seit die Männer zwischen Rhein und Oder nichtdie Freude gefühlt hatten, unter den Nationen der Erde vor anderen geachtetzu sein I Jetzt war durch den Zauber einer Manneskraft alles wie umgewandelt.Wie aus bangem Traum erwacht sah der Landsmann auf die Welt und in seineigenes Herz. Lange hatten die Menschen still vor sich hingelebt, ohne Ver-gangenheit, deren sie sich freuten, ohne eine große Zukunft, auf die sie hoff-ten. Jetzt empfanden sie auf einmal, daß auch sie teilhatten an der Ehre undGröße in der Welt, daß ein König und sein Volk, alle von ihrem Blute, demdeutschen Wesen eine goldene Fassung gegeben hatten, der Geschichte dergesitteten Menschheit einen neuen Inhalt. Jetzt durchlebten sie alle selbst,wie ein großer Mensch kämpfte, wagte und siegte. Jetzt arbeite in deinerSchreibstube, friedlicher Denker, phantasievoller Träumer, du hast überNacht gelernt, mit Lächeln auf das Fremde herabzusehen und von deiner eige-nen Anlage Großes zu hoffen. Versuche jetzt, was aus deinem Herzen quillt.(Gustav Freytag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit, 1859/1867.)
NEUER URSPRUNG: PREUSSEN
Es war ein eigentümliches Wesen, eine neue Abänderung des deutschen Cha-rakters, was auf dem eroberten Slawengrunde in den Hohenzollern und ihremVolke zutage kam. Mit herausfordernder Schärfe erzwang sich dies NeueGeltung. Es schien, daß die Persönlichkeiten dort größere Gegensätze um-schlossen; denn die Tugenden und Fehler seiner Regenten, Größe und Schwächeseiner Politik kamen in schneller Folge zutage, die Beschränktheiten erschienenauffälliger, das Widerwärtige massenhafter, das Bewunderungswerte erstaun-licher; es schien, daß dieser Staat das Seltsamste und Ungewöhnlichste er-zeugen, und nur die ruhige Mittelmäßigkeit, die sonst so erträglich und förder-lich sein mag, nicht ohne Schaden vertragen könne.
Viel tat die Lage des Landes. Es war ein Grenzenland, zugleich gegen Schwe-den, Slawen, Franzosen und Holländer. Kaum eine Frage der europäischenPolitik gab es, die nicht auf Wohl und Wehe des Staates einwirkte, kaumeine Verwicklung, welche tätigen Fürsten nicht Gelegenheit gab, Ansprüchegeltend zu machen. Die sinkende Macht Schwedens, die beginnende Auf-lösung Polens erregten weitläufige Aussichten, die Übergewalt Frankreichs,die mißtrauische Freundschaft Hollands zwangen zu schlagfertiger Vorsicht.Seit dem ersten Jahre, in welchem Kurfürst Friedrich Wilhelm seine eigenenFestungen durch List und Gewalt in Besitz nehmen mußte, wurde offenbar,
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