Kaiser und Reich blieb und hing gleichsam wie ein Ehrenmantel darüber,aber konnte die Gebrechen und Schäden derselben doch nicht zudecken.Deutschland war in so viele Einzelheiten gesondert, in einer solchen Mannig-faltigkeit der Strebungen, Bildungen, Entwicklungen auseinandergegangen,von allen Enden her mit so vielen und so verschiedenen Gesetzen, Verfassun-gen, Rechten und Vorrechten durchschossen und durchwebt, kurz von so vielenStricken, Netzen und Fäden durchwebt und durcheinander verbunden undverstrickt, daß der deutsche Riese in dieser Verstrickung in Ohnmacht dalag.Dies geschah, dies Verhängnis trat ein, Deustchland ging so auseinander,weil damals alle Völker an unsern Grenzen so schwach schienen, daß keinGedränge von außen uns mehr zusammentreiben konnte. So lebte Deutsch-land noch einige Jahrhunderte fort, da erhoben sich innere Zwieträchten undblutige Hader um die heiligsten Dinge. Huß und Luther standen auf, esward nun reicher Same der Sonderung und Schwächung ausgesäet. Dochlebte man noch so leidlich fort bis an das siebzehnte Jahrhundert. Glück,Reichtum, Macht schien noch da zu sein, aber Deutschland, als Reich undStaat betrachtet, hatte keine Macht mehr. Schon damals war das deutscheGebiet längs der östlichen Ostseeküste von uns abgelöst worden, die deutschenRitter von Kurland und Livland schrien das Reich um Hilfe an, aber man ließsie als Raub der Fremden fallen. Ebenso sorglos und ohnmächtig ließ man dieNiederlande und die Schweiz vom Reiche absinken und zu unserem Verderbenihr eigenes Wesen treiben. Dann riß der greuliche Dreißigjährige Krieg denletzten Zauber von deutscher Herrlichkeit und Macht nieder und warf uns inRoheit und Barbarei zurück, indem er sogar das Gedächtnis unserer glor-reichen Vergangenheit und unserer ganzen früheren Bildung auslöschte. DerKaiser war im Jahr 1250 mit Friedrich dem Zweiten von Hohenstaufen ge-storben, worauf die allmähliche Verbleichung des Glanzes der alten deutschenRitterschaft notwendig folgen mußte. Da erhoben sich die Bürger der Reichs-städte und brachten ihr Leben in leidlicher Weise bis zu dem Jahre 1620 hin.Von der Zeit an fiel alles in einen großen Schutthaufen zusammen; man lebteso anderthalb Jahrhunderte unter den Trümmern fort wie arme Leute, diesich an den Mauern der Rathäuser, Tempel und Paläste und an den Grab-denkmälern der Helden die ärmlichen Hütten anklecksen.Kam das Zeitalter Ludwigs des Vierzehnten, das Zeitalter der Blüte und MachtFrankreichs. Deutschland, machtlos, ruhmlos, geistlos, mußte nun fran-zösieren, die deutsche Armut und Barbarei, wie sie sich jetzt selbst als solcheerkannte, schmückte sich mit den Lappen wälscher Zierlichkeit und las diekümmerlichen Brocken wälscher Sprache und Literatur auf. Da verfälschteund verwälschte sich alles bis auf die Hofhaltungen und Sitten der kleinstenFürsten und Grafen, alles wälsche Einkleidung und Verlarvung — so standendie veräfften und verweichlichten Enkel der alten deutschen Recken da.Da spazierte auch die jämmerliche und verkommene deutsche Sprache undLiteratur einher in frostiger alberner Steifheit und im bunten Narrenrock derWälschen, den sie sich ungefähr anzulegen verstanden, wie ihre Majestäten, dieKönige von Angola und Tombuktu, die Generalsuniformen, die ihnen die Por-tugiesen oder Engländer schenken. Alles jämmerlich, hölzern, ledern. Die
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