Wo ist auch eine größere Anzahl freier Städte, als in Deutschland? Und mußman nicht bekennen, daß Handel und Wandel, Nahrung und Kredit, Ordnungund gute Polizei darin blühen? Man lese, wie ehemalen in gewissen DingenMacchiavell in einem eignen Bericht, so sich in seinen Werken findet, undBoccalin in seinem Parnaß von Deutschland weit besser als wir selbst ge-urteilet. Ich gehe noch weiter und sage, daß die Städte, so unter deutschenFürsten sein, sich nicht für unglücklicher zu schätzen haben: wie man danndie, bei denen Änderung vorgangen, fragen kann, ob sie anjetzo nicht wenigerüber ihre Fürsten als vor diesen über ihren Rat klagen? So pflegen auch fürst-liche Städte oftmals das Hoflager zu haben, dadurch ihnen gewißlich mehran ihrer Nahrung zugewachsen, als an ihrer Freiheit entzogen worden. Ichwill der Stapelgerechtigkeiten, der Universitäten und ander Vorteil nicht ge-denken. Die Bauern selbst leben besser als man meinet, und könnten nochbesser leben, wenn sie ein wenig mehr Fleiß, Lust, Lebhaftigkeit und Hurtig-keit spüren ließen, und durch gute Anstalt zur rechten Nahrhaftigkeit er-muntert würden. An die oft unbegründeten Klagen des gemeinen Manneshaben sich Verständige nicht zu kehren. Man weiß, daß solche Leute nie ver-gnügt und oftmals nie mehr rufen, als wenn ihnen zu wohl ist, daher sie Gotteine schärfere Züchtigung gleichsam abnötigen. Wir sperren uns bisweilenaus einer leidigen Halsstarrigkeit, unserer Obrigkeit zu rechter Zeit zu Hilfezu kommen, und müssen hernach von fremdem Volk, so bei uns sich einlagert,uns das Mark aussaugen lassen.
Aus welchen allen ich dann schließe, daß uns nur der Wille mangle, glück-selig zu sein, daß die deutsche Freiheit annoch wahrhaftig lebe und nicht nurin der Einbildung bestehe, und daß also ein wahrer Patriot das Beste zu hoffen,sein Vaterland zu lieben und zugleich dahin zu trachten habe, wie dessen Glück-seligkeit nicht durch ohnmächtige Wünsche oder blinden Eifer, sondern wohl-überlegte Vorschläge und deren getreuliche Vollstreckung befördert werde.(Leibniz, Ermahnung an die Teutsche, ihren Verstand und Sprache besserzu üben, etwa 1679.)
LETZTE ABWEHR DER TÜRKEN VOR WIEN
Am 11. September um Mitternacht hatten die Kaiserlichen den Gipfel desLeopoldsberges erstiegen. — Der 12. September, eben ein Sonntag, begannhereinzudämmern, und mit den heftigsten, wiewohl verschiedenen Regungensahen nun, mit dem ersten, rosenfarbenen Sonnenstrahl Belagerer und Be-lagerte den ganzen Berg und Wald lebendig, von Waffen blitzen, von kriege-rischem Schritt und Getöse zittern.
Da fiel endlich auch Kara Mustaphan die Binde von den Augen. In weibischemGrimm wälzte er sich auf der Erde, zerraufte Haar und Bart und fluchte demSchoß, der ihn getragen hatte. Aber es traten die Paschen von Ofen und Diar-bekir, denen das Spiel zu lange währte, trotz des strengen Gegenbefehls in seinZelt und zwangen ihn, sich mit besonnener Miene an die Spitze der Janit-scharen zu stellen. Um den gesunkenen Mut, durch Blut und Greuel, wenig-stens zur Wildheit aufzustacheln, ließ er alle im Lager befindlichen Christen-
22 Wolters, Der Deutsehe. 111,3. or»r