wurde. Dann hatte der Landesherr den ersten Schirm, die nächsten die Prin-zen nach ihrer Würde, die letzten der Hof. Noch wurde streng auf Jägerbrauchgehalten; bei den Turnieren war die Unsitte abgekommen, Versehen gegendas Turniergesetz dadurch zu strafen, daß man die schuldigen Ritter über dieRosse legte und aushieb, aber nach der Jagd wurde der Ungeschickte um deskleinsten Irrtums willen über den Hirsch gelegt und mit dem flachen Weid-messer abgestraft, gerade wie bei den Schützenfesten mit der Pritsche.So lebten die besseren der deutschen Fürsten am Ende des Jahrhundertsein friedliches Stilleben. Sie unterhandelten ein wenig mit Franzosen oderPolen, wenn sie gerade mit dem Reich unzufrieden waren, aber sie saßen alsgenießende Erben in ihrer neuen Macht, oft gutherzige Tyrannen, gewissen-haft in Nebendingen, in nüchternen Stunden ernsthaft um das Wohl ihrerUntertanen bemüht, gerade sie empfanden vielleicht am wenigsten das stilleMißbehagen ihrer Zeit. Und nach ihrem Bilde formte sich der wohlhabendeAdel ihrer Landschaft, er lebte fort, bald gegen die neue Zeit kämpfend, baldmit Anstand dienend, bis der Dreißigjährige Krieg seine Häuser ausbrannte,die tüchtigen Männer in einem gewaltigen Kampfe umhertrieb, die schwächerntiefer herunterdrückte. (Gustav Freytag, Bilder aus der deutschen Vergangen-heit, 1859/1867.)
TROST IN HELDISCHEN MÄNNERN
Unglücklich, aber nicht ruhmlos schied das alte Germanien aus diesem langenund verderblichen Kampfe. Ich habe Namen genug genannt, solche Namen,die unsterblich in der Geschichte leuchten. Es war ein wahres Heroen- undTitanenalter: so waren alle Verhältnisse gelöst, alle gewöhnlichen Bande zer-rissen und alle bürgerlichen Rücksichten zurückgeschoben, daß noch ein-mal ein wildes und kühnes Jugendgeschlecht der Germanen auf den Planzu treten schien, kein anderes Recht erkennend als den Willen des Herzensund die Kraft der Fäuste. Fragt man, wozu dies alles, wozu soviel Mutiges,Gewaltiges und Herrliches, wozu Ferdinands eiserne Festigkeit, Gustav Adolfsheldenmütige Gottesfurcht, Wallensteins gewaltiger Tiefsinn und Bernhardsgeschwinde Entschlossenheit? wozu die feurigen und kühnen Seelen einesErnst, Christian, Pappenheim, Torstenson, Johann de Werth, wenn fast nurdas Alte wiederkehren sollte, und zwar nichtiger, als es vorher gewesen? wozuder ganze dreißigjährige Streit, ein rechter Streit um nichts? so hole man sichdie Antwort von der unsichtbaren Gewalt, welche über den Sternen wohntund die Schicksale der Könige und der Völker richtet. Du blinder Sterblicher,weißt du schon, was die Vulkane und Windsbräute und Orkane bedeuten?wodurch das Sonnenlicht leuchtet und wärmt? warum die Nordlichter und dieSonnenaufgänge des nordischen Winters zugleich leuchten und donnern?Klügle dann nicht zu viel über die unbegreiflichen und dunkeln Revolutionendeines Geschlechts und lerne wieder glauben und anbeten und erkenne, daßhier im Staube nur Eines unsterblich ist wie Gott selbst: die Tugend und dieGerechtigkeit. Schon waren die meisten Völker erschüttert durch Unglückund innere Zwiespalte, auch Deutschlands Zeit war gekommen. Doch wissen
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