Anfänge dieser Bewegungen sich am ehesten bei Schotten und Juden oder amdeutlichsten bei friesischen und englischen Kalvinern zeigten — deutscheLutheraner, italienische, portugiesische und französische Katholiken habennicht weniger Anteil daran gehabt oder bald gewonnen, und nur in dem Maße,wie die immer noch verpflichtende und beschränkende christliche Sitte ent-weder allmählich ausgeschaltet oder im Dienste des Weltlichen umgewandeltwurde, unterscheidet sich der Anteil der Völker und Religionsgruppen an denSonderungen. Nur in einem unterschied sich Deutschland stets von den übrigenLändern: Seine Denker und Neuerer trieben die Gegensätze in die letztenZusammenhänge von Seele und Welt, öffneten die Klüfte stets bis in die letzteTiefe, und während die anderen Völker in stetigen Umwandlungen oder langevorbereiteten Revolutionen die äußeren Lebensformen der Gesellschaft demveränderten Verhältnis der modernen Gegenkräfte zum Ganzen anglichen,bewahrten die Deutschen am längsten die alten Formen, um dann plötzlichfast eruptiv vom äußersten Gedanken zur äußersten Tat zu springen — wieder Träumer unserer Märchen plötzlich zum befreienden Helden wird. Sosprengte Luther, vom innersten Seelenkampfe sich jäh gegen Rom wendend,die Einheit der Kirche, so sprengte Marx, vom letzten Einheitsbilde der gei-stigen Welt in Hegel sich jäh gegen die materielle Wirklichkeit der modernenGesellschaft wendend, die bürgerliche und proletarische Klasse Europas inscheinbar unversöhnliche Gegner auseinander. In beiden Fällen waren dieauseinanderstrebenden Gegenkräfte schon längst in Erschütterungen undUmwandlungen wirksam geworden, aber durch Luther wie durch Marxtraten sie in greifbare Erscheinung in großen Menschengruppen, die ausschließ-lich durch die bewußtgewordenen Gegensätze umrissen und in all ihrem Tunund Lassen durch die neue Gegnerschaft bestimmt wurden: es gab seit Luthererst glaubensbewußte Protestanten, es gab seit Marx erst klassenbewußteProletarier, und in deren Ablehnungen und Forderungen wurden die ganzenauseinandertreibenden Kräfte der christlichen oder der bürgerlichen Gesell-schaft erst sichtbar. (Friedrich Wolters, Von der Herkunft und Bedeutungdes Marxismus, 1923.)
UNTERGANG DER DEUTSCHEN HERRSCHAFTAM BALTISCHEN MEER
Die nordeuropäische Dominatsfrage greift weit in die mittelalterlichen Zeitenzurück und hat bis auf den heutigen Tag ihre endgültige Lösung noch nichtgefunden. Es ist die Frage der Herrschaft auf der Ostsee, das Dominium marisbaltici, die schon in der Epoche Heinrichs des Löwen einsetzte, um unablässigweiter zu wachsen und ausweitend sich immer mehr zu vertiefen. Solangedie Hansa in Blüte stand, war sie es, welche die Ostseeherrschaft besaß. Siebefand sich im Vollbesitz des baltischen Handels, den sie durch Gründung städti-scher Niederlassungen längs der Ostseeküste, durch Anlage von Emporienund Kontoren sicherte und ausdehnte. Nur ihre Flaggen wehten auf der Ost-see, nur ihre Schiffe vermittelten den Austausch der Erzeugnisse des euro-päischen Nordens und Südens, der Polargegenden und der indischen Tropen;
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