Druckschrift 
3 (1926) Die Neuzeit im deutschen Bereich
Entstehung
Seite
286
Einzelbild herunterladen
 

NOCHMALS KAISER UND SACHSENHERZOG (1547)

Ein inhaltschwerer Augenblick, als dem Kaiser die GefangennehmungJohann Friedrichs gemeldet wurde und daß Alba ihn herbeiführe. Es warder Höhepunkt seines politischen Lebens, eine große Genugtuung zugleich fürseine religiösen wie seine ritterlichen Empfindungen. Mit diesen deutschenFürsten und mit ihrer lutherischen Ketzerei hatte er gerungen, seit er dendeutschen Boden betreten, seit er männlich denken gelernt. Nun war der erstedieser Fürsten, das anerkannte Haupt der Ketzer, der Ächter, der ihm Würdeund Titel abgesprochen, der ihn in Ingolstadt beschossen und zittern gemachtnun war er in seiner Hand. Und nicht durch Vertrag und unter Bedingungenhatte er ihn niedergebeugt, wie die Fürsten und Städte im Oberland, in einerSchlacht hatte er ihn überwunden, deren Verdienst er zum guten Teil seinereigenen Person zurechnen durfte, er hatte über Land und Gut, über Tod undLeben eines Kriegsgefangenen zu verfügen.

Bekannt ist des Kaiser cholerische Natur und wie auch in rein politischenDingen die persönliche Leidenschaft ihn leicht übermannte. An jenem Tageaber sah man ihn stolz und fast heiter, in triumphierender Freudigkeit. Erwar gesund und rüstig, wie kaum in den Tagen seiner Jugend, noch nie hatteer Strapazen unternommen und bestanden wie an jenem Siegestage. DasGefühl der politischen Kraftfülle hob ihn wie über die Gebrechlichkeit desLeibes, so auch über die Bedenken der Zukunft hinweg. Wie er nun an derSeite seines Bruders und der jungen Fürsten den gefangenen Ächter erwartete,ritt Avila, der Großkomtur von Alcantara, der Vertrauteste unter seinenVertrauten, plötzlich zu ihm heran und erlaubte sich mit leisen Worten dieMahnung: Mein Herr, heute ist ein Tag, an dem man sich etwas herausnehmendarf: ich bitte Eure Majestät, mögen die Aufregung des Sieges und die Belei-digungen des Herzogs von Sachsen Euch nicht bewegen, mit ihm zu tun, wieIhr doch nie mit einem anderen getan, ihm Schmähungen zu sagen! DerKaiser entgegnete lachend: Wohl, ich will mich danach verhalten!Der Kurfürst kam auf einem braunen friesischen Hengste daher, in schwar-zem Harnisch, auf dem Haupte nicht mehr den Helm, sondern einen rotenHut mit einer roten Feder, Gesicht und Kleidung mit Blut besudelt. Unter-wegs soll er tief seufzend gen Himmel geblickt und gerufen haben: Erbarmedich meiner, Herr Gott, wo bin ich nun angelangt! Vor dem Kaiser abererschien er gefaßt und würdig. Als Alba ihn, zu seiner rechten Hand reitend,herbeigeführt und er den Kaiser zu Fuße dastehen sah, umgeben von den zuPferde haltenden Fürsten und dem Gefolge, wollte auch er absteigen und be-mühte sich, einen Handschuh abzuziehen, um dem Kaiser nach deutscherArt die Hand zu bieten. Karl aber wehrte das ab und bedeutete ihn, auf demRosse zu bleiben, wohl nicht mit Rücksicht auf die Unbehilflichkeit undErschöpfung des Gefangenen, wie Avila ihm unterlegt, sondern um die Hand-reichung abzuweisen, in der immer etwas von Verzeihung lag; die aber standseinen Gedanken fern. Der Kurfürst zog nun den Hut ab und begann: Gnä-digster Kaiser und Herr Ja, ja, bin ich nun Euer gnädigster Kaiser? fielihm Karl in deutscher Sprache ins Wort das ist ein anderer Name als der,

286