als lebendigen, leibhaften Ausdruck aller in ihm verbundenen Glieder, wirsind durch das Ausmaß der Riesengebilde verführt, mehr auf das Gerüst alsauf das Wesen des Staates zu sehen. Wenn aber Gehäuse und Krusten über-mächtig oder die tragenden Kräfte durch mechanische Weitung zu leblosenSträngen und Drähten werden, erstickt oder verflacht das gemeinsame Lebenin ihnen, und mag das Gefüge noch so groß und gewaltig erscheinen, mag esals Weltmacht den Erdball umspannen, es ist dennoch tot, und wenn es unshindert, ein schönes und edles Leben zu führen, so gilt ihm der Kampf auchum den Untergang von ganzen Geschlechtern, auch um den Preis von Werten,die unersetzlich dünken. Aber freilich nicht das Zerschlagen — wie dieÄußersten sinnlos glauben — ist Sinn des Kampfes, sondern die Neuerschaf-fung des staatlichen Menschen, und dem entarteten Gesetz darf nur das le-bendige höhere Gesetz den Platz bestreiten. Wie der Dichter die Teile zurschwingenden Einheit bindet, daß aus dem Widerspiel aller Gegenkräfte daslebendige Ganze wird, so soll die Gemeinschaft wachsen, indem der Einzelnesich mit allen Gaben dem Ganzen gibt, indem er alles, was sich an seinemEigenwuchse enfaltet, zur gemeinsamen Mitte fügt. (Friedrich Wolters undWalter Elze, Stimmen des Rheines, 1923.)
ERNEUERUNG DES STAATES AUS DEM GEISTIGEN
Von diplomatischer Kunst, die alles ihrer Natur nach auf sich beruhen läßt,ist in keiner Weise ein Heil für Deutschland zu erwarten, und Hoffnungund Furcht werden in dieser Hinsicht gleich eitel sich erweisen. Ein Blitz desHimmels hat in die deutsche Eiche hineingeschlagen; ihre Krone ist zum dürrenGeniste worden, nur die Wurzel in der Erde und der Stamm in seinemMarke grünt stark und kräftig fort und muß neue Triebe auswerfen in dieHöhe.-------Darum ist die ganze deutsche Geschichte seit mehr als drei Jahr-hunderten ein Welken und ein Dürren, darum strecken alle unsre Insti-tutionen nur nackte, erdorrte Äste in die Gesellschaft, darum ist alles For-male morsch, faul, verwittert und aufgelöst, darum geht ein Geist der Ver-wesung in unserem Staatsgebäude um, wie in alten Ruinen hört man an Wän-den und Grundfesten jenes leise Knistern, als nage vernehmlich der Zahn derZeit an ihrem Bau, Tragpfeiler bersten, Steine schurren herab, Mauern rücken,und nur der grüne Efeu, der sie umrankt, hält sie notdürftig noch zusammen.Nur die Masse, mit dem Urfels, aus dem sie gehauen, immer noch in geheimemZusammenhang, und mit ihm im gemeinsamen Naturleben unverwüstlichlebend, darum selbst im Ablauf von Jahrtausenden noch nicht ergraut, istnoch gesund und einer neuen Gestaltung wohl empfänglich.Es brauchte aber in alten Zeiten die Vorsehung, wenn es mit den Staatenauf diesen Punkt gekommen, das Mittel der Völkerwanderung, indem sie dieBrunnen der Tiefe eröffnete und durch Fluten von Barbaren, die sich über dieHinwelkenden ergossen, von unten herauf durch neues Blut das stockendeLeben erfrischte und das Erdorrte neu begrünte. Aber diese Brunnen fließenn »cht mehr so reichlich, seit die Kultur die alten Wälder ausgerottet, und diePflugschar die wilde Erde dem Menschen gezähmt. Dagegen aber hat die-
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