GEBURT DES STAATES AUS DEM GEISTE DER DICHTUNG
Als in Nietzsche die christliche Lehre und Sitte im qualvollen Gift der letztenErkenntnis zersetzt und verzehrt, in Wagner ihr Gottsang in letzter sinnlicherBrunst verklungen, in Bismarcks Reich das Heilige Reich bis auf die falschbewerteten und bald zerfallenden Stützen von Thron und Altar schon völligverweltlicht und zugleich in Marx die Reste der universalen Stufung von Herr-schen und Dienen aufgehoben und die letzten Klassen der alten Gesellschaftin die Seichte der Gleichheit, in den an Bildung, Besitz und Macht ununter-schiedenen Grund der Gemeinschaft hinuntergezogen waren, kurz, als in diesenDeutschen tiefer als sonst in den Völkern die ursprüngliche Mischung vonAntike, Christen- und Germanentum entmischt und verwandelt war; als nundie titanischen Mächte der Leidenschaft und des Frevels unbändig und freigeworden sich tobend und grollend über die Erde wälzten und schon den Brandzu entzünden begannen, der noch Jahrhunderte flammen wird; als alle gött-lichen Bänder zwischen den Menschen und Völkern zerrissen waren: da waran Rhein und Main und Neckar schon die dreifache Saat der Dichter erblüht,deren Korn die Greuel überdauern und die neuen Deutschen ernähren undbilden wird. Die Sprache war der jungfräuliche Boden, den der Geist zumBau ersehnte, das unberührte und allberührende, das keuscheste und reichsteEigen des Volkes. Sie, die beweglicher ist als der Vogel der Luft, und dennochdauernder als Erz und Stein, sie, die den Raum derEinzelseele wie aller Stämmezugleich erfüllt, dieses dichteste und weiteste war zugleich das ursprünglichsteMittel, um Zeugnis zu geben von der Einheit der Welt in unserm Geiste, sie,das zarteste und dennoch festeste Band zwischen den geheimsten Regungenunserer Herzen, den großen Forderungen unseres Willens und den stolzenGestaltungen unserer Geschichte, mußte der reinste Träger der Bildungund der stärkste Gestalter unserer Eintracht sein. Ja, in ihr ist der Dichterberufen, eine neue Welt zu schaffen, denn in ihrer wiedergeborenen Schöp-fung, der Dichtung, spricht er — wie alle lebendigen Zeiten wußten — mitgöttlicher Stimme. Nicht der geschmäcklerische Reiz, nicht die fesselndeFabel und nicht der geschürzte Konflikt, sondern durch Einheit von Form undGehalt, von Schrift und Ton und Sinn die Seele zu erschüttern und bildendumzubilden, ist Wesen und Wirken des Dichterwerkes. Das Schöne in ihm— die Frohheit der Sinne wie höchstes Leid der Götter und Menschen um-fassend — ist niemals leichter Genuß der müdesten Stunde, sondern Bändi-gung höchster Freiheit im höchsten Zwang. Scheinbar im Spiel sich fügend,gehorcht das Werk des Dichters dem strengsten Gesetz wie alles Lebendig-Gewachsene, läßt sich nicht scheiden in Hülle und Inhalt, Gedanke und Kleid,sondern trägt wie der Leib das Gebot des So-und-nicht-Anderssein, wie derSternenkreis das Gebot des in und durch sich selber Geschlossenen. Unddarum erfordert es von der ergriffenen Seele die strengste Zucht, duldet nichtWillkür des Eigenwillens und lasses Vergeuden der Kräfte, fordert der eigenenFuge gemäß das Schöne und Edle und Große in Gebärde, Haltung und Tun,fordert vom Einzelnen wie vom Ganzen die heldische Art. Wir sind nur allzugewohnt, den Staat als stehende Summe von Einrichtungen zu sehen, statt
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