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3 (1926) Die Neuzeit im deutschen Bereich
Entstehung
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Diese neue Gestaltung des Lebens der Menschheit zu verfolgen, ist so tröstlichund erhebend, wie es schmerzlich und niederdrückend war, ihrer Knechtungdurch die Geschöpfe ihrer Einbildungskraft während derfinsteren Zeiten"beizuwohnen. Ja, wer könnte es leugnen: wenn man die ganze Menschenge-schichte im Geist an sich vorbeigehen läßt, bietet sich mit Ausnahme derhellenischen Blüte, die so vergänglich war, wie das Schöne zu sein pflegt, keinedleres Schauspiel als das, welches nun sich zu entrollen beginnt und nochunter unseren Augen täglich reicher sich entfaltet.

Da erblicken wir eine ganz andere Weltgeschichte als die, welche gewöhnlichdiesen Namen trägt und uns von nichts erzählt, als von Steigen und Fallender Könige und Reiche, von Verträgen und Erbstreitigkeiten, von Kriegen undEroberungen, von Schlachten und Belagerungen, von Aufständen und Partei-kämpfen, von Städteverwüstungen und Völkerhetzen, von Morden und Hin-richtungen, von Palastverschwörungen und Priesterränken, welche uns nichtszeigt, als im Kampf Aller gegen Alle das trübe Durcheinanderwogen von Ehr-geiz, Habsucht und Sinnlichkeit, von Gewalt, Verrat und Rache, von TrugAberglauben und Heuchelei. Nur in langen Zwischenräumen wird dies düstereGemälde erhellt durch ein wohltuendes Bild echter Herrschergröße und fried-lichen Gedeihens, öfter durch herzerhebende Züge eines nur leider meist ver-geblichen Heldenmutes. Denn wohin führt zuletzt dieser Weg durch Bächevon Tränen und durch ein Meer von Blut? Ist in der bürgerlichen Geschichtedurch die in ihr selber waltenden Kräfte ein stetiger Fortschritt ersichtlich?Werden die Könige weiser, gemäßigter die Völker? Scheint nicht vielmehrdie Geschichte nur da, damit man aus ihr lerne, daß man aus ihr nichts lernt?Erstieg während so vieler Jahrhunderte, bis der heutige Tag anbrach, dieMenschheit in sicherer Folge höhere Stufen der Freiheit, Sittlichkeit, Macht,Kunst, des Wohlstandes und Wissens? Ist es nicht vielmehr eine Sisyphus-arbeit, die jene Geschichte uns zeigt, und liegt nicht schon im Begriff einerKulturperiode, daß sie dem Untergang geweiht ist?

Und doch gab es bis vor nicht gar langer Zeit nur diese Art der Geschichte,ja, die Menge wird nie eine andere kennen. Das ungeheure Schicksalsspiel,in welchem um Güter gewürfelt wird, deren Wert jeder begreift, und dasdabei sich enthüllende Gewühl der Leidenschaften, dies vom Genius derMenschheit selber gedichtete und von ihr aufgeführte Drama, ist nicht alleinvoll der tiefsten, wenn auch selten befolgten Lehren, es zieht auch das un-befangene Gemüt unwiderstehlich an.

Aber man denke sich einen Augenblick den unendlichen Raum, und imUnendlichen Räume verteilt Nebel chaotischer Materie, Sternhaufen, Sonnen-systeme; man denke sich als verschwindenden Punkt in dieser UnendlichkeitUnsere Sonne in unbekannte Himmelsräume stürzend, um sie her die Pla-neten, jeden in seiner Bahn rollend, den Riesenball Jupiter mit seinen Mon-den, mit seinen Ringen Saturn. Wieder als Punkt in diesem Systeme denke'Uan sich unsere Erde, mit Sternschnuppengeschwindigkeit durch den Welt-r aum stürmend und von Nacht zu Tag, von Tag zu Nacht um ihre Achse sichMälzend,Fels und Meer fortgerissen in ewig schnellem Sphärenlauf". Manv ertiefe sich in Gedanken in ihr feuriges Innere, man lasse ihr Werden in gro-

*8 Wolters, Der Deutsche. III, 2.__

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