Hieraus entstand nun eine Neigung, eine Leidenschaft, die durch alle not-wendigen und willkürlichen Geschäfte und Beschäftigungen auf meiner Rück-reise durchzog. Wer an sich erfuhr, was ein reichhaltiger Gedanke, sei er nunaus uns selbst entsprungen, sei er von anderen mitgeteilt oder eingeimpft,zu sagen hat, muß gestehen, welch eine leidenschaftliche Bewegung in unsermGeiste hervorgebracht werde, wie wir uns begeistert fühlen, indem wir alles das-jenige in Gesamtheit vorausahnen, was in der Folge sich mehr und mehr ent-wickeln, wozu das Entwickelte weiter führen solle. Und so wird man mir zu-geben, daß ich von einem solchen Gewahrwerden wie von einer Leidenschafteingenommen und getrieben, mich, wo nicht ausschließlich, doch durch allesübrige Leben hindurch damit beschäftigen mußte. (Goethe, Zur Morphologie,1817/1824.)
TRENNENDE UND BINDENDE KRAFT DER NATUR BEI SCHELLING
Schelling war der erste, der die alte Naturphilosophie durch die wissenschaft-lichen Erfahrungen der neuern Zeit bewahrheitet oder, was ebensoviel ist,die Naturwissenschaft der Neuern zur Philosophie erhoben hat. Es wärejedoch ein übermenschliches Wunder, das die Naturphilosophie selbst nichtzugeben kann, wenn Schellings unsterbliche Leistung nicht große Einschrän-kungen erlitte, wenn er die Philosophie der Natur beschlossen und vollendethätte. Im Gegenteil, er hat nur den ersten kleinen Anfang gemacht, abereben das ist seine Größe. Er hat einen Weg betreten, den vor ihm niemandgegangen ist und den nach ihm jeder gehen muß; das Ziel selbst aber ist wedererreicht, noch wird es jemals zu erreichen sein, weil es jenseits der Grenzlinienaller Naturforschung liegt. Indes hat Schelling das unsterbliche Verdienst,den Schlüssel zu dieser Forschung innerhalb jener Grenzen gefunden zu haben.Wir haben in der Tat noch nicht so viele Muße übrig, uns mit dem zu beschäf-tigen, was wir nicht wissen können; es ist noch unendlich viel zu lernen, waswir möglicherweise wissen können, aber eben noch nicht wissen. In diesemSinn muß man Schellings Lehre nehmen. Er führt die dummen gaffendenZuschauer nicht vor das Wunder der absoluten Wahrheit und sagt: Da ist es,nun seht euch satt daran! sondern er führt nur die lernbegierigen und geistes-tätigen Schüler auf eine gewisse Anhöhe und zeigt ihnen von da die unermeß-liche Aussicht in die ganze Runde der Natur und heißt sie nun selber weiterforschen und suchen. Schelling hat die höhere Wissenschaft der Natur nichtbeschlossen, sondern vielmehr erst eröffnet, und man kann von ihm nichtlernen, bis wohin die Forschung, sondern wovon sie ausgeht.Schelling hat gefunden, daß alle Erscheinungen der Natur, die er kennt,Gegensätze bilden, und daraus den Schluß gezogen, daß überhaupt der Gegen-satz die einzige Form ist, in welcher die Natur sich dem Menschen offenbart.Es komme daher nur darauf an, diesen Gegensatz durch alle Stufen und Reicheder Natur konsequent durchzuführen, so weit überhaupt die Natur erkenn-bar ist. Da alles im Gegensatz begriffen sei, so könne weder ein einzelnerGegenstand der Natur, noch auch eine allgemeine Naturkraft oder ein all-gemeiner Naturstoff für sich bestanden haben, sondern er müsse der Gegen-
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