nimmt das Bild stolz auf: „Wir wollen schon, als Dioskuren, unsere Lebens-rosse bändigen."
Aber immer ist nur der eine der Dioskuren zur Unsterblichkeit bestimmt,der andere zum Untergang. Rohde hatte in dieser Tat kulminiert: er war ihrschon nicht mehr gewachsen. Das Bewußtsein, seine Karriere aufs schwerstegefährdet zu haben, lastete schwer auf ihm, das Lob ihres Heros Wagnerkonnte ihn nicht entschädigen, und er bekennt dem Freunde in stärksten Aus-drücken seinen Ekel an aller Polemik. Er hat Recht, wenn er sich „nichtpolemisch" nennt. Nietzsche ist polemisch, er braucht Gefahr und Krieg,um sich zu bewähren und höher zu steigen. Polemik verlangt Glauben, aberRohde ist Skeptiker, und darum ist seine Sehnsucht und seine Erhebung nurRomantik.
Nietzsches Geschick ist tragisch, seine Leiden erhaben — Rohdes Geschickist jammervoll und herzzerreißend. Wohl gilt ihm noch Jahre hindurchdas enthusiastische Bild der Freundschaft, noch preist er Nietzsches Flug —aber mit immer härteren Worten bekennt er in sich selbst den Geist der Schwere.Anfangs redete er noch mit Verachtung vom akademischen Sumpf, der nochden verwegensten Hecht zum aufgeblähten Frosch mache. Als Nietzschedie Geburt der Tragödie schreibt, fühlt Rohde die bange Ahnung und Sehn-sucht nach der Freundschaft nur noch wie im dämmernden Halbschlaf, ver-wundert, daß man so stumpfes Existieren noch loben kann, und er singt der„Resignation", der Göttin mit bleiernen Flügeln und einem Bierseidel bewaff-net, auch „Zufriedenheit" genannt, ein ironisches Preislied. Als Nietzscheihm seine Unzeitgemäße über Schopenhauer sendet, da erhebt ihn wohl nochdiese „großartige heroische Musik", aber die Erhebung bleibt romantisch.Das Gelehrtentum, antwortet er, sei eine Erfindung, uns die Besinnung aufdas Wesentliche des Lebens vergessen zu lassen, aber „davon ist nun überdie Maßen schwer wieder loszukommen, denn es liegt ein gar zu großer Reizin solcher beschaulichen Umschau". Er wird sich dieses Kampfes in seinerSeele zwischen Berufsmensch und höherem Selbst nur zu bewußt, aber jetzt,als Nietzsche schon im Begriff ist, sich über Bayreuth zu erheben, ist fürRohde Bayreuth nur noch der höchste romantische Traum, „ein wonne-reiches Meer", er selbst aber verwünscht seinen Zwiespalt und möchte nunwie Goethes Wagner ganz im Beruf untertauchen. „Wäre ich doch ein reinerGelehrter! ein ganzer Wagner 1 so bin ich ein halber, und daneben so einzwanzigstel Faust. ."
Kurz danach meldet er seine Verlobung. Nietzsche ist nicht im Zweifel, daßRohde, dem das Höhere nur als romantischer Traum, nicht als reale Machtmehr fühlbar ist, ihm damit verlorengeht. Er antwortet auf die Anzeige mitdem Gedicht „Es geht ein Wandrer durch die Nacht", das schon die melancho-lische Ahnung einer vollkommenen Einsamkeit atmet.
„Nein Wandrer, neinl Dich grüß ich nicht
Mit dem Getön!
Ich singe, weil die Nacht so schön:
Doch Du sollst immer weitergehn —
Und nimmermehr mein Lied verstehn! . ."
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