zu vollenden. Erst Mommsens Charakter hat seine ungeheure Anlage fürKritik jeder Art, sein allumfassendes Gedächtnis und seine brennende undprägende Beredtsamkeit so fruchtbar und furchtbar gemacht — der Willezum Wirken mehr noch als zum Werk, der Sinn für das Recht mehr nochals für das Richtige — er wäre ohne die ungeduldige Feuerseele nur einer derVielsammler und -sonderer geworden wie Lipsius, Salmasius, Scaliger, nimmereiner der größten Schriftsteller.
Und erst mit diesem Charakter konnte seine Anlage auch die glückhafteStunde deutschen Geistes voll ausschöpfen, in die er geboren war: durch Kanthatte die Wissenschaft ihre philosophische Methode und den Stolz der Auto-nomie errungen, mit Goethe war die deutsche Bildung und Sprache in ihrenWelttag getreten, durch die Napoleonischen Kriege war der Staatsgeist derVölker mächtig erregt, ein nationaler Eifer erwacht — ohne das kann zwarGeschichtsforschung, doch keine Geschichtsschreibung hohen Stils entstehen,und nur dem Bund seiner Gelehrsamkeit mit dem leidenschaftlichen und ge-sichtigen Wort dankt Mommsen seine Dauer und seine Macht.-------
Die Lebensgläubigen waren bis zum Erscheinen Nietzsches in der gelehrtenWelt kaum sichtbar, fast verfemt: in der Altertumswissenschaft ist ihr SprecherJohann Jacob Bachofen. Er versenkte sich in die Zeugnisse der Alten nichtmit dem Vorsatz nachträglicher Kritik und überlegenen Richtens von obenoder außen, sondern andächtigen und mitfühlenden Erfassens von innen.In den Denkmalen suchte er nicht, wie Niebuhr und Mommsen, geschichtlicheTatsachen einer abgelaufenen Vergangenheit, sondern sinnbildlichen Aus-druck von Lebenszuständen, deren er selbst sich noch fähig fühlte. Er mußtedeshalb nicht mit allen Mitteln der philologischen Kritik hinter die vermeint-lichen oder nachweisbaren Irrtümer der Urkunden kommen: was er suchte,ihren Geist und Glauben, ihr Weltgefühl, hatte er ja unmittelbar vor den Sinnen.„Durch die Verneinung der Geschichtlichkeit wird der Sage nicht jede Be-deutung entzogen. Was nicht geschehen sein kann, ist jedenfalls gedachtworden. An die Stelle der äußeren Wahrheit tritt also die innere. Statt derTatsächlichkeiten finden wir Taten des Geistes." Bachofen will also nicht er-fahren, wie es eigentlich gewesen ist, was geschehen ist, sondern wie bestimmteewige Lebensgesetze und Lebensvorgänge im Altertum gesehen und gezeigtworden sind. Darum sind ihm Historie und Mär gleichwertig zur Ergründungdes antiken, das heißt ewigen Gehalts. Er greift nicht dahinter, um ihre In-halte zu bestätigen oder zu berichtigen: sie selbst sind ihm die Lehre, der Aus-druck des göttlichen Geschehens, das ihn ergreift.
Die nachdrücklichste und frommste Abwehr der nur kritischen Wissenschaft,ein großartiges Zeugnis für den Geisterkampf zwischen Lebensglauben undVernunftstreben, zwischen tiefsinniger Zeichendeutung und scharfsinnigerTatsachenforschung überhaupt, ist Bachofens Vorrede zu seiner Untersuchungüber die Sage von Tanaquil (1870). Hier findet sich über die methodologischePolemik hinaus der Überblick römischer Geschichte von dem mythischenBoden des Altertums her. Die römischen Kriege, die Mommsen aus poli-tischen Zwecken oder Gründen gedeutet, als Staaten-, Parteien- und Personen-geschichte dargesetllt, sieht Bachofen als einen Kampf von letzten Lebens-
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