Der großen Zahl von Zeitgenossen, vor deren wachem Auge die nächsten drei-ßig Jahre darauf sich entrollten, bleibt unvergessen, wie hoch in ihnen dieHoffnungen gingen, wie stolz und rein die Gedanken waren; wenn nach demGewitter von 1848 Rückschläge lang und schwerfällig die Luft durchziehen,können Sprache und Geschichte am herrlichsten ihre unerschöpfliche Machtder Beruhigung gewähren. Auch die Kräfte der unendlichen Natur zu er-gründen, stillt und erhebt, doch ist nicht der Mensch selbst ihre edelste Her-vorbringung, sind nicht die Blüten seines Geistes das höchste Ziel? SeinerDichter und Schriftsteller, nichtalleinder heutigen und der früher dagewesenen,will das Volk nun besser als vorher teilhaft werden und sie mitgenießen können;es ist recht, daß durch die wieder aufgetanen Schleusen die Flut des Altertums,so weit sie reiche, bis hin an die Gegenwart spüle. Zur Forschung über denVerhalt der alten, verschollenen Sprache fühlen wenige sich berufen, in derMenge aber waltet das Bedürfnis, der Trieb, die Neugier, den gesamten Umfangund alle Mittel unserer lebendigen, nicht der zerlegten und aufgelösten Sprachekennen zu lernen. (Jacob Grimm, Vorrede zum Wörterbuch, 1854.)
WIEDERERWECKUNG DES ALTEN DEUTSCHEN RECHTES
Es ist wahr, daß in manchen Bestimmungen des deutschen Rechtes eine derbeheidnische Ansicht waltet, die den gemilderten Sitten der Nachwelt Anstoßgibt, eine Grausamkeit, die unser Gefühl versehrt; allein das braucht nichtgerade deutsche oder nordische Barbarei zu heißen, da wir ihr allerwärts,selbst bei Griechen und Römern begegnen. Die Griechen und Römer warennur gegen ihr eigenes Altertum duldsamer, als wir gegen das unsere, sie suchtenihm geistige Triebfedern unterzulegen und es zu erheben, nicht zu erniedrigen.Darin eben erwiesen sich die Alten großartig, daß sie die Nacktheit und dasDunkel ihrer Vorzeit gewissenhaft ehrten; unser Zeitalter lernt wohl Sittenund Werke fremder Völker erklären, kaum aber die seiner nahen Heimat.Unanständigkeiten, die es in griechischen oder lateinischen Dichtungen er-trägt, würde es in denen unseres Mittelalters unleidlich finden. Niemand ver-übelt es aber den Philologen, daß sie auch daran die nötige Erläuterung wen-den. Aus ferner Vergangenheit frommt es, alles und jedes zu erforschen, wiewir sollten eingedenk sein, daß neben jenem rohen, wilden oder gemeinen,das uns beleidigt, in dem altdeutschen Recht die erfreuende Reinheit, Mildeund Tugend der Vorfahren leuchtet und noch unbegriffene Züge ihrer Sinnes-art unser ganzes Nachdenken anregen müßten.
Wer, ohne empört zu sein, kann Adelungs Schilderung der ältesten Deutschenlesen? Aus allen einzelnen Lastern, deren die Geschichtsschreiber erwähnen,entwirft er ein Bild des Ganzen, eben als wollte man aus den Kriminalfällenheutiger Zeitungen auf unsere Verworfenheit überhaupt schließen. Nichtbesser verfahren gelehrte Beurteiler des Mittelalters; was hilft es, daß nundie Gedichte herausgegeben sind, die uns das beseelte, frohe Leben jener Zeitin hundert sinnigen und rührenden Schilderungen darstellen? Des Geredesüber Faustrecht und Feudalismus wird doch kein Ende, es ist, als ob die Gegen-wart gar kein Elend und Unrecht zu dulden hätte oder neben den Leiden der
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